Bloß raus!

In der Pandemie haben wir den Außenraum neu entdeckt. Was bleibt von der neuen Liebe für Gärten, Parks und öffentliche Plätze? Die Autorin beschreibt noch einmal rückblickend das Jahr 2020, das aber auch 2021 noch so weitergegangen ist und viele Anregungen für die Zukunft bietet.

Dieses Jahr ist das Zuhause nicht nur Schlafstatt gewesen und der Ort, an dem die eigenen Möbel stehen, sondern auch Büro, Fitnessstudio, Schule und Restaurant. Manchmal waren das zu viele Funktionen für wenige Quadratmeter. Spätestens wenn die eigene Wohnung sich auch noch wie ein Gefängnis anfühlte, war es Zeit, die penetrante Aufforderung "#bleibzuhause" auf dem Handy zu ignorieren und vor die Tür zu treten.

Das haben sehr viele Menschen seit dem ersten Lockdown im Frühjahr sehr häufig getan. Wer konnte, hat im eigenen Garten oder auf dem Balkon gebuddelt und gepflanzt oder endlich einmal die Terrasse gepflastert. Alle anderen sind auf öffentliche Plätze, in Parks und Naherholungsgebiete geströmt und haben entdeckt, was direkt vor der Haustür liegt, wenn Wandern in den Alpen oder ein Spaziergang durch den New Yorker High Line Park nicht möglich ist. Dabei ist direkt vor der Haustür durchaus wörtlich gemeint: Die Bank an der Straßenecke mutierte zum mobilen Büro, das Fenstersims hat das Café ersetzt, und auf dem sonst vernachlässigten Abstandsgrün wurde Yoga praktiziert.

Der Außenraum ist nicht nur zum Fluchtpunkt vor der häuslichen Enge geworden, er hat auch vieles ermöglicht, was im Innenraum zu riskant gewesen wäre: Da es an der frischen Luft unwahrscheinlicher ist, sich mit Covid-19 anzustecken, haben viele lieber einen Spaziergang mit den Großeltern gemacht, als sich an der heimischen Kaffeetafel zu treffen. Politische Gremien haben draußen getagt, Chöre in lang verwaisten Konzertmuscheln geprobt. Von Frühsommer bis spät in den Herbst wurde auf den öffentlichen Plätzen und in den Parks gefeiert wie noch nie. Restaurants haben ihre Tische dort aufgestellt, wo sonst Autos parken. Auf einmal war vieles möglich, wogegen es sonst immer Bedenken gab. 2020 wird nicht nur als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem die meisten ihre eigene Wohnung mit ganz neuen Augen gesehen haben. Es ist auch das Jahr, in dem Neues ausprobiert wurde, wovon nicht alles, aber manches die Pandemie überdauern wird. Denn viele Menschen haben den Außenraum ganz neu entdeckt - den privaten wie den öffentlichen.

Land der Gartenliebe

Gartenfreunde haben schon immer gewusst, dass ein Leben ohne Pflanzen zwar möglich, aber sinnlos ist. Aber mittlerweile ahnen auch viele, die Jäten und Harken bislang eher als lästig empfunden haben, dass in einem Garten mehr steckt als Berge von Unkraut und Tonnen an Laub. Ein Fünftel der Deutschen arbeitet seit Beginn der Pandemie mehr im Garten. Baumärkte und Gartencenter verkaufen so viele Pflanzen wie nie. Und wer noch kein privates Grün hat, der sucht eins. Immobilienscout 24, das größte Internetportal für Immobilien in Deutschland, hat festgestellt, dass der Anteil der Gesuche nach einer Wohnung mit Garten, Balkon oder Terrasse um fast 20 Prozent gestiegen ist. Und wer nicht umziehen will oder kann, der sucht das gemeinschaftliche Glück im Grünen: Kleingärten, die in den Großstädten schon vor der Pandemie ein Comeback erlebten, können sich vor Anfragen nicht mehr retten. Besonders lang sind die Wartelisten in München, Frankfurt oder Hamburg. In Berlin hat sich die Nachfrage in den vergangenen beiden Jahren sogar vervierfacht.

Ähnlich sieht es bei Mietäckern aus. Das sind kleine Parzellen auf Feldern, auf denen der Mieter sein eigenes Gemüse anbauen kann. Da sich gerade zu Beginn der Krise auch viele Menschen um die Versorgung mit Lebensmitteln sorgten, gab es einen riesigen Ansturm, denn ein Mietacker bietet nicht nur Bewegung an der frischen Luft, sondern trägt auch zur Selbstversorgung bei.

Stadtraum wird neu verteilt

Die Sorge, sich in geschlossenen Räumen mit dem Virus anzustecken, hat nicht nur das Freizeitverhalten verändert, sondern auch die Mobilität. Da gerade im Frühjahr weniger Menschen zur Arbeit pendelten, waren auch sehr viel weniger Autos auf den Straßen unterwegs. Um die Ansteckungsgefahr zu minimieren, stiegen mehr Menschen von Bussen und Bahnen aufs Fahrrad um. Die Pandemie hat möglich gemacht, was sonst jahrelange Planung braucht: Auf einmal entstanden überall neue Fahrradwege, sogenannte Pop-up-Radwege, die in der akuten Krise schnell für mehr Platz und Sicherheit sorgen sollten. Denn die Radfahrer müssen nicht nur wie sonst auch vor dem Autoverkehr geschützt werden, sondern auf den überfüllten Spuren auch vor der Ansteckung.

Berlin preschte vor und verschaffte den Radlern mittels Klebeband und rot-weißen Baustellenbalken schon im März mehr Platz auf dem ersten Pop-up-Radweg in Kreuzberg. Andere Berliner Bezirke folgten, allein zwanzig Kilometer neue Strecken in der Hauptstadt nahmen den Autos Straßenraum ab, um ihn den Radfahrern zu geben - nach dem Willen des Senats sogar dauerhaft. Zwar hat ein Verwaltungsgericht die Verkehrswende im Eiltempo erst einmal gestoppt, indem es acht der Pop-up-Radwege für rechtswidrig erklärte. Doch andere Städte zogen nach, auch in München, Düsseldorf und Hamburg entstanden welche. In den Städten ist Konsens, dass der öffentliche Raum als Parkplatz oder mehrspurige Straße zu kostbar ist, dass man ihn dem Auto "entreißen" muss, wie Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, sagt. Die Frage ist nur, wie schnell diese Umverteilung zugunsten von Fußgängern, Fahrradfahrern und spielenden Kindern passiert…

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