Wo der Rhein verzaubert ist

Im Mittelrheintal geht’s zurück in die Zukunft. All die Burgen, die schroffen Felsen und Klippen, die steilen Rebenhänge und Märchen aus uralten Zeiten täuschen nicht darüber hinweg, dass das Weltkulturerbe zwischen Bingen und Koblenz Patina angesetzt hat. Eine Frischekur muss her. Darum fiel die Entscheidung für die Bundesgartenschau, die das Tal und seine verborgenen Schönheiten auf 67 Flusskilometern im Jahr 2029 wachküssen soll: Den Zauber des Rheins neu entdecken – wer damit nicht bis zur BUGA warten möchte, kann heute schon abseits der Touristenströme auf wundervollen Wegen viel erfahren über Natur und Kultur und die Geschichten einer einzigartigen Kulturlandschaft. #Das Tal der Liebe ist so ein verwunschener Ort: , es zieht sich vom hessischen Weinstädtchen Lorch bis hinauf zum rheinlandpfälzischen Dorf  Sauerthal. „Hier haben sich früher junge Leute getroffen, wenn sie vernarrt ineinander waren“, erzählt Welterbe-Führerin Ute Graßmann und lacht, „ist doch klar, dass die sich auch mal in die Büsche geschlagen haben…“

Am Ortsausgang von Lorch, an der mittelalterlichen Kreuzkapelle, beginnt der sanft ansteigende Weg durch das liebevolle Tal, das in kaum einem Reise- oder Wanderführer verzeichnet ist. Aaber Ute Graßmann stammt von hier und weiß alles: im Gegensatz zum reichen Lorch war Sauerthal ein armes Dorf. Nach dem Dreißigjährigen Krieg sollen sich hier spanische Soldaten angesiedelt un in deer Hauptsache von der Köhlerei gelebt haben Später fanden die Menschen Arbeit im Schieferbergbau, an den noch etliche aufgelassene Stollen erinnern. Das heute bewaldete Tal wurde bis nach dem Zweiten Weltkrieg intensiv landwirtschaftlich genutzt. Auf den Wiesen entlang des Tiefenbachs graste Vieh, selbst an den steilen Hängen wurden Obst, Kartoffeln und Getreide angebaut.  Es müssen kärgliche Ernten auf den steinigen Feldern gewesen sein. Durch die Schilderungen von Ute Graßmann wird ein Stück Sozialgeschichte des Rheins lebendig, wie sie selbst Einheimischen kaum mehr bekannt ist: Überreste von Trockenmauern im Hang, vereinzelte alte Obstbäume und etwas Fantasie lassen erahnen, wie schwer die Arbeit damals war. Die Welterbe-Führerin weist auf einen Baum hin, der vor vielen Jahren circa 40 Zentimeter über dem Boden gekappt wurde und danach viele neue Äste ausgetrieben hat. „So konnten die Leute alle 20 – 30 Jahre immer wieder Holz von ein und demselben Baum ernten“, erklärt Ute Graßmann. Heute heißt das im Fachjargon Niederwaldbewirtschaftung.

Das Tal hat sich jetzt merklich verengt. Man muss schon genau hinschauen, um den Turm der Burgruine Waldeck zu erblicken. Hier lebten einst verschiedene Familien wie die Marschälle, die Waldbott und die Stumpf von Waldeck, ehe die Festung offengelassen wurde und verfiel. Nur noch wenige Schritte vorbei am „Sauren Jochen“, einer mineralhaltigen Quelle, und schon hat man das nächste mittelalterliche Gemäuer im Blick: die Sauerburg hoch über dem 160-Einwohner-Ort Sauerthal. Ziel nach rund fünf Kilometern und einer guten Stunde erreicht.

Wer jetzt einen Trinkbecher dabei hat, ist klar im Vorteil. Denn neben der Burg, dem Grabmal des Reichsgrafen Franz von Sickingen und der barocken St. Anna-Kirche ist der mineralische und leicht kohlensäurehaltige Sauerbrunnen in der Ortsmitte Hauptanziehungspunkt. Man sollte das Wasser unbedingt kosten! Doch erst müssen die Quellgeister besänftigt werden, meint Ute Graßmann, legt eine Wildblume auf die Brunnenfassung, schöpft das kühle Nass und – gießt den ersten Schluck auf die Erde. Danke für den Trunk. Natur und Traditionen - wer will, kann sie im Tal der Liebe noch entdecken, selbst wenn man nicht an Geister glaubt.

Eine Quelle hat auch den Ruf des linksrheinischen  Bad Salzig gegründet. Im Gegensatz zum ruhihgen Sauertal aber ist der Bopparder Stadtteil Bad Salzig dank seiner auf halber Höhe liegenden Rehaklinik etwas geschäftiger. Das Thermalwasser der Leonorenquelle wurde einst zu Trinkkuren genutzt und kann im schmucken, 1907 im neubrarocken Stil erbauten Bäderhaus bis heute probieert werden. Di Zeiten des klassischen Kurbetriebs aber sind passé, die Obstblüte im Frühjahr jedoch könnte Ausweis genug sein für eine Gartenschau in zehn Jahren. Und erst der Kurpark: eine weitläufige, künstlich angelegte Landschaft mit Bach, Promenadenwegen und Ausblick auf die Burgen der anderen Rheinseite.

Der historische Baumbestand ist eine Besonderheit, neben Ginkgo, Lederhülsen-, Tulpen-, Trompeten- und Riesenlebensbämuen sind auch heimische Arten vertreten. Ute Graßmann hat noch ein weiteres „Wunder der Natur“ in petto. Rechtsrheinisch, zwischen dem Ort Kestert und dem zur Stadt St. Goarshausen gehörenden Flecken Ehrental, weist an der Bundesstraße 42 ein unscheinbares Schild auf die Pulsbachklamm hin. Nach den ersten Metern entfaltet sich ein Idyll: das schmale Tal ist eingekerbt in hoch aufragende Felsen; entlang uralter Trockensteinmauern, über hölzerne Stege führt der schmale Pfad mal gemächlich, mal steil bergan, immer in Sichtweite des Baches. Alles hier ist grün. Die Flechten, Farben und Moose, die mächtigen Buchen  und Eichen. Herrlich, diese Ruhe! Nur Vogelgezwitscher und das Rauschen des Baches sind zu hören – obwohl das umtriebige Mittelrheintal gerade mal zehn Minuten Fußweg entfernt ist …

Alle die versteckten Schönheiten erlebbar zu machen, das wird Herausforderung und Chance der Bundesgartenschau 2029. „Die ewige Sehnsucht des Menschen nach Liebe und Schönheit, nach Natur und Kultur, nach Geschichte und Geschichten, hier am Rhein hat sie ihre schönste Antwort gefunden“, sagt Ute Graßmann. „Mit der BUGA können wir die alten Märchen für die Zukunft neu übersetzen“.