Parkplaner entwickeln Klimastrategien

Die letzten heißen Sommer und dann wieder Starkregenereignisse haben gezeigt, dass wir mehr Grün in die Quartiere bringen müssen, um Hitzeinseln zu kühlen und ein zukunftsfähiges Regenwassermanagement zu ermöglichen. Zudem sollten Planer für beschattete Rückzugsorte im urbanen Raum sorgen, um die Lebensqualität der Stadtbewohner zu verbessern.

Schon das berühmte grüne „U“, das Stuttgart mit drei Gartenschauen 1961, 1977 und 1993 erhielt, ist ein frühes Beispiel für eine auch in Bezug auf das Stadtklima vorgedachte Planung: Der U-förmige Grünzug von acht Kilometern Länge, der abschließend aus sechs miteinander verbundenen Parkanlagen entstand, ist heute eine wichtige Klimaschneise für die Stadt. (1) Allein in Baden-Württemberg wird die BUGA – die Flächen der kommenden Mannheimer Gartenschau 2023 eingerechnet – 536 Hektar Grün in die Großstädte des Landes gebracht haben. Wie sehen jüngste und zukünftige Planungen in Bezug auf die Klimaproblematik aus?

Heilbronn setzte 2019 Zeichen: mit dem durch die BUGA entstandenen Stadtquartier Neckarbogen. Die Hochbauarchitektur in der „Stadtausstellung“ schuf klimaregulierende Holzhybridhäuser und begrünte Fassaden aus Glasfaserbeton, der aus natürlichen Rohstoffen hergestellt wurde. In der Gartenausstellung kamen urbane, Schatten bietende Pavillons aus Holz-Leichtbau oder Carbonfaser zum Einsatz, die nach bionischem Vorbild mit digitaler Technologie entworfen und hergestellt wurden. Der neue Stadtteil “Neckarbogen” wird im Trennsystem entwässert, d.h. Schmutz- und Regenwasser werden getrennt abgeleitet. Aufgrund von Dachbegrünungen, Versickerung und von Regenwassernutzung auf den privaten Grundstücken kommt nur ein Teil des Regenwasseranfalls zum Abfluss. Dazu schufen die BUGA Planer zwei Stadtseen als Retentionsbecken, die in einen Bewässerungskreislauf des Gartenschau-Geländes eingebunden waren und zukünftig auch Starkregenereignisse steuern können. Ein Schilfgürtel wirkt als Filter, eine Pumpe reguliert nach Reinigung den Zufluß in die Seen. Durch verschiedene Ausstellungsbeiträge versuchte man das Bewusstsein der Besucher auf das Thema Klima zu lenken: wie mit dem Mehr.Wert.Garten, in dem durch Recycling von Materialien alltagstauglicher, ressourcen- und klimaschonender Umweltschutz propagiert wurde. Beim Wechsel vom großen unbeschatteten Geländeteil in einen Pappelwald im „Inwzischenland“ wurde allen Besuchern bewusst, welche Funktion Bäume in der Stadt haben. 1700 Pappeln schützten hier 2019 das Publikum vor der extremen Juni- und Julihitze. Nach der Gartenschau wurden sie gefällt und dienten als Biomasse der Energiegewinnung. 

Vom Gewächshaus zum 2-Zonen Klimahaus in Erfurt

Auch die BUGA Erfurt greift das Thema in vielen Ausstellungsbeiträgen auf: es gibt einen Klimawald, in dem man auf 400 Quadratmetern 30 zukunftsfähige Gehölze in Kübeln präsentiert. In Klimaringen wachsen Stauden, Sträucher und Solitäre aus Tundra, Wüste oder den Tropen, die für ihre Hitzeverträglichkeit und Trockenresistenz bekannt sind und zukünftig vielleicht in Parks oder Privatgärten Einzug finden. Eine besondere Besucherattraktion ist das Danakil, ein Wüsten – und Urwaldhaus, das das Gewächshaus klassischer Prägung ablöst, in dem bislang meist nur passiv exotische Pflanzen betrachtet wurden. Das Danakil im egapark besteht aus einem Wüsten- und einem regenwaldähnlichen Biotop, die miteinander verbunden sind. In beiden spielt Wasser die zentrale Rolle. Während im warmen, feuchten Regenwald der Konkurrenzkampf um die Sonnenstrahlen tobt, lechzen die Wüstenbewohner nach Wasser. Hier sind raffinierte Überlebensstrategien von Pflanzen und Tieren zu entdecken, die das Biotop beleben. Ergänzend werden Informationen multimedial angeboten, auch solche, die zum Anfassen und Ausprobieren anregen und das Thema Klimaanpassung in vielen Facetten erläutern. Das Danakil wird zudem vielen Schulklassen innerhalb des Programms „Grünes Klassenzimmer“ Erfahrungen vermitteln.

Mannheim arbeitet mit Hochschulen zusammen

Zur BUGA Mannheim 2023 gehören die Themen Umwelt, Klima, Energie und Nahrungssicherung zur programmatischen Vision. Über ihre vier Leitthemen werden schwerpunktmäßig die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele wieder gespiegelt. Mit der Unterstützung des baden-württembergischen Umweltministeriums ist eine Zertifizierung mit dem Öko Audit der EU geplant. Diese Gartenschau bietet vor allem einen Raum zum Experimentieren und Forschen. Ziel ist es, einen Klimapark von Käfertal bis nach Feudenheim zu bauen und während der Durchführungszeit der Schau selbst klimaneutral sein. Dazu plant man im Detail konsequent: Es wird weitestgehend papierlos gearbeitet und bei internen Veranstaltungen wird es keine Fleischprodukte mehr geben, sondern ausschließlich vegane, bzw. vegetarische Kost. Dem Publikum werden zum Beispiel baubotanische Interventionen präsentiert, bei denen Pflanzen und Gebäude eine Symbiose eingehen und zusammenwachsen. Insgesamt wird man 2.023 schattenspendende Bäume auf dem Gelände pflanzen. Deren Bewässerung funktioniert mit einer Art umgekehrtem Drainagesystem, das vom Karlsruher Institute of Technology entwickelt wurde. Es hindert Niederschläge am direkten Versichern und hält sie stattdessen in einer Speichermulde nah unter der Oberfläche. Durch den Einsatz von Bodensubstraten mit einer hohen Wasserspeicherkapazität steht den Pflanzen das Regenwasser über eine längere Zeit hinweg zur Verfügung. Auf diese Weise können Baumbestände in der Parkschale vor Trockenschäden geschützt werden. Bei neuen Pflanzungen fällt die Wahl der Planer auf Arten mit großer Wechselfeuchtetoleranz und einer hohen Verdunstungsleistung, da diese sich gut an die Hitze anpassen können.

In Kooperation mit Forschungseinrichtungen, Hochschulen und der Wirtschaft können auf der BUGA Mannheim 2023 bereits bestehende weitere Forschungsprojekte in die Tat umgesetzt werden. Ressourcenschonend wird vor allem mit dem Bestand auf dem 80 Hektar großen ehemaligen Militärgelände umgegangen. Wie kann es gelingen? In der Feudenheimer Au entsteht das größte Artenschutzgebiet der Region. Miteinander vernetzte Biotope – wie eine Neodüne aus Flugsand, Augewässer und Sandmagerrasen – bieten Flora und Fauna vielfältige Lebensräume. Für die Mauereidechsen sind im Klimapark zirka 10.000 Quadratmeter Habitate angelegt. Als Trockenbiotop bietet die Neodüne seltenen Pflanzen- und Tierarten einen Lebensraum. Auf der „Großen Weite“ wird Sandmagerrasen ein abwechslungsreiches Mosaik in Artenvielfalt bilden. Wildbienen, Käfer, Heuschrecken und Schmetterlinge leben auf diesen Rasenflächen, auf denen unter anderem Ackerstrukturen aus Roggen, Gerste und Hafer nachgebildet werden. Die BUGA Mannheim 2023 ist Teil des mit ihr entstehenden Grünzug Nordost: in Zukunft könnte durch sein Entstehen in den angrenzenden Stadtteilen in heißen Nächten die Durchschnittstemperatur um bis zu zwei Grad Celsius sinken. Und das wird essenziell die Lebensqualität der Anwohner bestimmen. Denn 2050 ist für Mannheim an 225 Tagen im Jahr eine Inversionswetterlage vorhergesagt. Die Stadt muss im Sommer mit einem deutlichen Anstieg von Tropennächten rechnen. Eine Frischluftzufuhr über Grünzüge wird sich also unmittelbar positiv auf die Wohnquartiere auswirken.

IGA Metropole Ruhr 2027 – Wie wollen wir morgen leben?

Unternehmen wir eine weiteren BUGA Schritt in die Zukunft: Das Motto der folgenden dezentralen internationalen Gartenausstellung in der Metropole Ruhr 2027 lautet folgerichtig: „Wie wollen wir morgen leben?“ Sie wird Labor und Schauraum an vielen unterschiedlichen Standorten für neue Best-Practise-Projekte sein. Ziel dieser Gartenausstellung ist es, Modelle für eine gerechte, sichere, gesunde, zugängliche, bezahlbare, resiliente, nachhaltige Stadt vorzustellen. Und für die grüne Freiraumgestaltung heißt das: Globale Pflanzenkenntnis und eine angepasste Pflanzenverwendung werden immer wichtiger. Neue Bäume müssen dann starkwindbeständiger sein, als bisherige Sorten, denn Stürme werden bis 2027 zunehmen. Neupflanzungen werden nicht völlig biotopfremd angelegt, sondern zu den natürlichen Anpassungsprozessen von Flora und Fauna an ein verändertes Mikroklima passen. Die Vernetzung von Parks und Grünflächen zur Förderung ihrer Biodiversität ist zukünftig stärker in Abhängigkeit von der mikroklimatischen Veränderung durch Zuwanderung fremder bzw. der Abwanderung ansässiger Pflanzen und Tiere verbunden. So wird man das Pflanzgebot zur Bevorzugung einheimischer Sorten relativieren. Mit der renaturierten Emscher werden sich bis dahin noch viel im Wassermanagement tun. All das wird schon ab Planungsphase 0 berücksichtigt. Mit einem detaillierten Kriterienkatalog zur Zertifizierung, den die Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft modellhaft mit der Grün Berlin GmbH entwickelt hat, besteht die Chance, dass das BUGA/IGA Gelände und die mit ihm entwickelten Grünzüge in ihrer Qualität erhalten bleiben. Und dass sie bei allen Unwägbarkeiten über Zeitpunkt, Ausmaß und räumliches Auftreten der Klimaveränderung folgenden Generationen zur Verfügung stehen.

Autor: Sibylle Esser, Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft