Gartenmetamorphose in Marrakesch:

Palastgarten aus dem 16. Jahrhundert wird moderne Oase in der Medina

Schauplatz Marrakesch, der Palast eines Wesirs: Wo sich einst Abfälle und Schuttüber Jahrhunderte anlagerten, wachsen nun Zitrus-, Oliven- und Orchideenbäume. Mitten in der Medina brachte der britische Gartendesigner Tom Stuart-Smith Verse aus der Bibel und die Suren des Korans zum Blühen.

„Das Chaos!“, sagt Lauro Milan auf die Frage, was ihn an der Medina von Marrakesch so fasziniert. Die Altstadt sei ein Kaleidoskop aus Farben und Düften, Menschen und Waren, grell, bunt, laut, aber auch geheim­nis­umwoben, voller Poesie, „eine Atmosphäre, wie ich mir das Mittelalter vorstelle“.

Obwohl nun längst Leuchtreklame die Märchenerzähler und Schlangenbeschwörer umgaukelt und das Zirpen von Apple oder Samsung das der Kanarienvögel übertönt. „Trotzdem“, meint Milan, der aus Norditalien stammt und seit 20 Jahren im Tourismus- und Baugewerbe von Marrakesch tätig ist, eine eigene, wie aus der Zeit gefallene Märchenwelt sei dieser Teil der Stadt. Der nun um ein Faszinosum reicher ist: „Le Jardin Secret“, ein Garten mitten in der Medina! Milan hat ihn zusammen mit seinem Partner, dem italienischen Investor Sante Giovanni Albonetti, auf den 3990 Quadratmetern eines historischen Riads realisiert.

Mit virtuosen Kunstgriffen machte der Mailänder Architekt Luigi Caccia Dominioni 1957 eine barocke Sommerresidenz wieder wohntüchtig – und schrieb damit ihre Geschichte auffällig zurückhaltend fort.

„Natürlich haben wir auch die Architektur, den Palast aus der Saadischen Ära, wieder instand gesetzt, den 17 Meter hohen Turm genauso wie die Mauern aus Tadelakt, für die wir 28 000 Kilo Kalkputz verbauten. Oder die 165 000 türkis glasierten Bejmat-­Kacheln, mit denen wir Treppen und Wege gefliest haben, dass sie nun wie Wasserläufe leuchten.“ Allerdings, erzählt Lauro Milan, „gab es eine andere Zahl, die mir Kopfzerbrechen machte: Das Terrain war in 140 Parzellen aufgeteilt. 140 verwickelte Besitzansprüche, die erst abgegolten werden mussten“, seufzt er. 2013 war es so weit.

Tom-Stuart Smith steigt ein

„Eine verrückte Idee“, dachte auch Tom Stuart-Smith, britischer Gartendesign-Star, als er den Auftrag bekam, hier einen Park anzulegen. Noch vor fünf Jahren ein verwilderter Ort mit heruntergekommenen Baracken, an den sich nachts nur die Katzen wagten, entwarf Stuart-Smith zwei Hofgärten: einen kleineren, den er „the exotic garden“ nannte, eine Art christliches Paradiesgärtlein, und den großen islamischen Garten. Von den blausilbernen Stelen der Kakteen und Agaven, den Aloe-­Büschen und Kalanchoen, dem rosa Blütenschnee des Orchideenbaums und der dornengeschmückten Ceiba speciosa in Stuart-­Smiths kurios-verträumtem Präludium hin zur himmlischen Geometrie des islamischen Gartens mit seinen Wasserspielen und türkis gekachelten Wegen. Rosmarinhecken umfrieden hier Zitronen- und Orangenbäume, an den Seiten säumen Olivenbäume die Vierecke, und vor den Palastmauern ragen Dattelpalmen wie Fanfarenstöße in den Himmel. Zitrusdüfte mischen sich mit den Harzgerüchen der Olivenbäume – ab und zu, besonders am Abend, stiehlt sich ein süßer Hauch von Karamell, Honig, gerösteten Nüssen und Holzkohlenfeuer über die Mauern.

Zurückhaltend und romantisch

„Restrained and yet highly romantic!“ Tom Stuart-Smith legte den Zitronen- und Olivenbäumen im islamischen Garten einen silbergrünen, weiß schäumenden Flokatiteppich aus Federgrasbüscheln, Kaplilien und Lavendel zu Füßen. Wuchernde Natur in geometrischer Ordnung. Ein Sinnbild des Paradieses, wie es im Koran beschrieben ist. „Die marokkanischen Gärtner zitierten zu jeder Pflanze die passende Sure“, erklärt der Designer. Wasser fließt in Rinnen an den Zitruskarrees vorbei, plätschert im Bassin des farbig gekachelten Pavillons und quillt aus steinernen Becken, inmitten von Gräserstrudeln, in die sich Lavendelbüsche und die fliederfarbenen Sternchen der Kaplilien mischen; ein Branden und Aufschäumen, Ebbe und Flut, Sonnenlicht und Schatten. Es ist eine Vision des Paradiesgartens aus dem Koran, „streng und verwunschen zugleich“. Gottes Ordnung versinnbildlicht in der Geometrie der Anlage, aber auch im Leben spendenden Wasser, im Grün der Blätter, in Blüten und Früchten. Ein sehr emotionaler Garten, nickt Tom Stuart-­Smith, weil er die Kostbarkeit jeder einzelnen Pflanze vor Augen führt, jede Blume, jeder Grashalm ist wichtig.

„Wüstenvölker haben eine andere Beziehung zu Gärten, für sie ist alles Wunder, nichts selbstverständlich.“ Er habe mit der britischen Korangelehrten Emma Clark an der Ikonografie gearbeitet, „und es war berührend zu sehen, wie viel dieser Garten den Gärtnern hier bedeutet“. Was für ein Spektakel, als mitten in der Nacht die großen Palmen gesetzt wurden! „Das ging nur nachts“, erklärt Stuart-Smith, „mit Eselskarren und Menschenkraft, weil die alten Gassen viel zu verwinkelt sind, um dort mit Wagen oder Lastkran durchzukommen. Alles war mit Fackeln erhellt, ein Trubel ohnegleichen. Und dabei – welche Behutsamkeit. Kein einziges Blatt fiel zu Boden.“

Für Wasser sorgt eine hydraulische Bewässerungsanlage aus dem 16. Jahrhundert

Den Stolz der Leute von Marrakesch auf das, was hier entstanden ist, fühlt auch Lauro Milan. Die große Vergangenheit Marokkos wird an diesem Ort lebendig. Als er nach den alten Bebauungsplänen forschte, stieß er auf ein altes Bewässerungssystem – hier gab es schon seit dem 16. Jahrhundert einen Garten! –, und einer seiner späteren Besitzer sei um 1850 Kaid Al-Hajj Abd-Allah U-Bihi gewesen, ein in der Geschichte Marokkos berühmter Gouverneur, Kunstfreund und Wissenschaftler. „Es war mir eine Ehre, das Erbe dieses Mannes wieder zum Vorschein zu bringen“, sagt Milan. Und das Beste: Die hydraulische Bewässerungsanlage, so fein ausgeklügelt und mit technischer Meisterschaft ins Werk gesetzt, funktionierte noch immer! „Wir brauchten nur einige Rohre zu reinigen, alles schlummerte schon in der Erde.“

Wie viel mehr dieser Ort bedeutet als nur eine zusätzliche Touristenattraktion, werde erst deutlich, meint Milan, „wenn man eine Weile innehält. Ich sitze oft stundenlang unter einem alten Feigenbaum, schaue, wie die Sonnenflecken tanzen, und höre dem Gesang der Vögel zu. Allmählich hört man aus dem Diskant all dieser Stimmen die Melodie heraus, das Zauberhafte.“ Und auch Tom Stuart-Smith, weit weg in einem englischen Blumengarten, klingt seltsam bewegt, wenn er „von der eigentümlichen Schönheit dieses zweigeteilten Gartens, der doch von ein und derselben Mauer umgeben ist“, erzählt. „Seine Ruhe mitten in der lauten, grellen Stadt berührt uns, tief in der Seele.“

Autorin: Dr. Simone Herrmann, Vize-Chefredakteurin & Style Director AD ARCHITECTURAL DIGEST,
mit freundlicher Genehmigung aus Architectural Digest, AD Ausgabe Juni 2019