Die Insel des Mon­sieur Car­mi­gnac

Auf einem kleinen Eiland vor der südfranzösischen Küste hat sich ein milliardenschwerer Banker und Sammler ein einzigartiges Privatmuseum bauen lassen. Ein barfüßiger Besuch.

Die größte Kon­kur­renz der Kunst ist die Na­tur. Vor al­lem, wenn sie so über­wäl­ti­gend schön ist wie auf der klei­nen Mit­tel­mee­r­in­sel Por­que­r­ol­les, kaum zwan­zig Fähr­mi­nu­ten von Hyères an der süd­fran­zö­si­schen Küste ent­fernt. Die Sand­strände sind hier so tür­kis­klar wie in der Ka­ri­bik. Pi­ni­en­wäl­der und Eu­ka­lyp­tus­bäume ver­brei­ten die­sen süß­lich-schar­fen Som­mer­duft, der einen so­fort in Tie­fen­ent­span­nung ver­setzt. Jean-Luc Go­dard drehte hier 1965 sei­nen Film "Pi­er­rot le fou", in dem Jean-Paul Bel­mondo zwi­schen Sonne und Meer das wahre Leben ent­deckt, weit weg von den Plat­ti­tü­den der Pa­ri­ser Bour­geoi­sie. Heute lockt selbst die wild-me­di­ter­rane Île de Por­que­r­ol­les mit durch­aus bür­ger­li­chen Rei­zen.
Der In­vest­ment­ban­ker, Fonds­ma­na­ger und Kunst­samm­ler Édouard Car­mi­gnac, des­sen Ver­mö­gen das ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin "For­bes" auf 1,8 Mil­li­ar­den Dol­lar schätzt, hat sich auf der Insel ge­rade ein Pri­vat­mu­seum auf­ge­baut, das gleich­zei­tig me­di­ta­ti­ves Re­fu­gium ist. Als die Toch­ter eines Freun­des auf der Insel Hoch­zeit fei­er­te, ver­liebte er sich in einen Land­strich, wo einst ein Bau­ern­hof stand (der auch in Go­dards Film auf­taucht). Spä­ter wurde dar­aus eine Villa - und nun hat Car­mi­gnacs Pa­ri­ser Stif­tung hier ein neues Zu­hause ge­fun­den.
Édouard Car­mi­gnac be­auf­tragte das Gen­fer Ar­chi­tek­tur­büro GMAA mit einem ele­gan­ten Aus­stel­lungs­ge­bäu­de, das sich auf 2000 Qua­drat­me­tern in die sanft-hü­ge­lige Land­schaft duckt. De­zenz war dabei obers­tes Ge­bot: Vom Hafen führt ein Weg durch ein dich­tes Pi­ni­en­wäld­chen, und wer schon jetzt allen Bal­last von sich wer­fen will, ver­staut sein Ge­päck in den höl­zer­nen Schließ­fä­chern mit­ten im Ge­büsch. Auf der lan­gen Auf­fahrt zum Ein­gang schrei­tet man schließ­lich wie zu einem Tem­pel; sie endet vor Mi­quel Bar­celós über­di­men­sio­na­lem "Sea Dra­gon" aus Bronze - ein freund­li­ches Mons­ter, das auch das Eti­kett des haus­ei­ge­nen Wei­nes ziert.

Regeln und Rituale für sinnliche Eindrücke

Doch erst ein­mal muss man Schuhe und So­cken aus­zie­hen. Filz­pan­tof­feln gibt es nicht, statt­des­sen tapst man bar­fuß über den rauen Stein­fuß­bo­den - die pure Er­leich­te­rung bei som­mer­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren. "Hier geht es dar­um, Kör­per und Geist zu ent­span­nen", sagt Charles Car­mi­gnac und klingt wie der me­di­zi­ni­sche Lei­ter eines Lu­xus-Ayur­veda-Re­treats. Der 39-jäh­rige Sohn von Édouard Car­mi­gnac ist seit drei Jah­ren für die Stif­tung tä­tig. Seit der Er­öff­nung An­fang Juni lei­tet er auch das An­we­sen auf der In­sel. Dabei ist die bil­dende Kunst für ihn ei­gent­lich Neu­land. Als Gi­tar­rist der franko-ame­ri­ka­ni­schen Folk-Rock­band Mo­ri­arty stand Charles Car­mi­gnac lange auf der Büh­ne, was man die­sem leise und sanft spre­chen­den Mann nicht un­be­dingt an­sieht. Das wilde Leben fehlt ihm, gibt er spä­ter etwas weh­mü­tig zu. Doch weil seine drei Ge­schwis­ter an­de­ren Ge­schäf­ten nach­gin­gen, nahm er sich des Her­zen­spro­jekts sei­nes Va­ters an - der üb­ri­gens gar nichts gegen Rock­mu­sik hat: Lou Reed, Neil Young und die Rol­ling Sto­nes haben be­reits Pri­vat­kon­zerte für seine Firma ge­ge­ben. Der Sohn aber steht nun nicht mehr im Schein­wer­fer­licht auf der Kon­zert­büh­ne, son­dern in der Abend­sonne vor dem sand­far­be­nen Fa­mi­li­en­mu­seum mit sei­nen Glas­wän­den und Durch­brü­chen.

Alle da: Richter, Rothko, Rondinone

Darin ist es wie so oft bei selbst ku­ra­tier­ten Pri­vat­samm­lun­gen: Werke großer Künst­ler und gänz­lich un­be­kann­ter Namen tref­fen in einer sehr in­tui­ti­ven Mi­schung auf­ein­an­der. Gleich am Ein­gang be­grüßt einen das Por­trät des Samm­lers, ge­malt von Jean-Mi­chel Bas­quiat im Jahr 1984: Édouard Car­mi­gnac, der an der Co­lum­bia Uni­ver­sity in New York stu­diert hat, hielt sich gern im Um­feld von Andy War­hols Fac­tory auf - das Bild ist ein spä­tes Zeug­nis die­ser Zeit. Es fol­gen Räume mit ab­strak­ten Ge­mäl­den von Ger­hard Rich­ter, Wil­lem de Koo­ning und Mark Ro­th­ko. In einem Durch­gang plät­schert ein Brun­nen mit Bron­ze­fi­schen von Bruce Na­u­man. Ein dun­kel aqua­rel­lier­tes Baby von Mar­lene Dumas hängt nicht weit von einem fröh­li­chen Flug­zeug­him­mel von Alig­hiero Boe­t­ti. Ein wei­te­rer Hö­he­punkt ist dann ein Jahr­hun­derte äl­te­res Werk: die frisch re­no­vier­te, wenn auch un­da­tierte Ma­donna mit etwas un­pro­por­tio­nier­tem Kind und Gra­nat­ap­fel aus der Werk­statt von San­dro Bot­ti­cel­li. Der alte Meis­ter fällt hier etwas un­ver­mit­telt aus der Rei­he. Ge­gen­über hän­gen pop­pig ge­pi­xelte Frau­en­por­träts von Roy Lich­ten­stein - es sind diese Mo­men­te, in denen man dem Haus einen Ku­ra­tor wünscht, der die­ser lei­den­schaft­li­chen Mi­schung ein biss­chen fach­kun­dige Strin­genz hin­zu­fü­gen könn­te.

Im Garten verbinden sich Weltkunst und Poesie unter Pinien

Rund drei­hun­dert Werke um­fasst die Samm­lung bis­her. In­zwi­schen sind Édouard und Charles Car­mi­gnac auch auf Kunst­mes­sen un­ter­wegs. Auf der letz­ten Art Basel er­war­ben sie bei der Ga­le­rie Mi­chael Wer­ner eine groß­for­ma­tige al­che­mis­ti­sche Ma­le­rei von Sig­mar Polke im mehr­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich. Gibt es einen roten Fa­den, der die Ar­bei­ten zu­sam­men­hält? "Es ist eine sehr per­sön­li­che Samm­lung", sagt Charles Car­mi­gnac. "Ein Kunst­werk muss für mei­nen Vater vor allem eine starke Ener­gie ver­mit­teln."
Auch wenn die Ener­gie sich in die­ser ers­ten Prä­sen­ta­tion nicht immer ganz frei ent­fal­ten kann: Wer auf nack­ten Soh­len den Stein­bo­den ab­tas­tet, ver­zeiht dem Vater wie dem Sohn schnell den Hang zur äs­the­ti­schen Kon­fu­sion. Und man er­freut sich an einem laut­lo­sen, er­staun­lich intim an­mu­ten­den Mu­se­ums­be­such, wo in Aus­stel­lun­gen sonst stän­dig das Gekla­cker von Ab­satz­schu­hen durch die Räume hallt.
Ähn­lich acht­sam wan­delt man durch den um­lie­gen­den Gar­ten. Hier ragen groß­for­ma­tige Skulp­tu­ren und In­stal­la­tio­nen zwi­schen Wie­sen, Bäu­men und Blu­men­bee­ten her­vor: Ein Spie­gel­la­by­rinth von Jeppe Hein, ein grin­sen­der Geis­ter­rei­gen von Ugo Ron­di­none oder die lang ge­zerr­ten Köpfe von Jaume Plensa - all das sind Wer­ke, wie man sie auch auf den gän­gi­gen Kunst­mes­se­par­cours sieht. In der Fon­da­tion Car­mi­gnac laden sie nun zur Ent­de­ckungs­tour ein und wol­len einen Dia­log mit der Land­schaft evo­zie­ren.

Landart unter Wasser

Ei­nige der zwan­zig Au­ßen­ar­bei­ten sind ei­gens für die­sen Ort ent­stan­den. Ge­rade ist der Künst­ler Doug Ait­ken aus Los An­ge­les zu Be­such, der seine geo­me­trisch ver­spie­gel­ten Un­ter­was­sers­kulp­tu­ren nun auf Por­que­r­ol­les in­stal­lie­ren will - Land Art, die in einer Mi­schung aus Ar­chi­tek­tur und Mee­res­bio­lo­gie auch zum Tou­ris­ten­ziel wer­den dürf­te. Wer auch Ba­de­gäste ins Mu­seum lo­cken will, braucht Kunst, die auf starke vi­su­elle Ef­fekte und be­kannte Markt­na­men setzt - selbst wenn das für die Kon­sis­tenz einer Samm­lung nicht immer zu­träg­lich ist.
Und dann steht man plötz­lich vor die­ser rie­si­gen, grau-orange ver­ne­bel­ten Ma­le­rei von Ed Ruscha, die sich über einem still­ge­leg­ten, stei­ner­nen Ten­nis­platz in den Abend­him­mel er­hebt. Wie auf einer Ki­no­le­in­wand liest man dar­auf die Worte "Sea of De­si­re". In die­sem Au­gen­blick ver­wan­delt sich der Ort dann doch noch in den ma­gischbrü­chi­gen Zau­ber­gar­ten, in dem noch längst nicht alle Wün­sche in Er­fül­lung ge­gan­gen sind. Als es dun­kel wird und Charles Car­mi­gnac erst zum Din­ner und spä­ter zur Tarte au Ci­tron im Gar­ten einer Freun­din ein­lädt, wo jeden Abend Fei­er­laune herrscht, weitab der Pa­ri­ser Schicke­ria, spürt man es.
Die Île de Por­que­r­ol­les ist tat­säch­lich ein Sehn­suchts­ort - nicht nur für Bel­mondo als Pi­er­rot le fou, son­dern für alle, die (Markt-)Kunst am liebs­ten jen­seits der auf­ge­reg­ten Markt­schau­plätze er­le­ben. Me­di­ter­ran, me­di­ta­tiv und mit nack­ten Fü­ßen.

Mit freundlicher Genehmigung aus der WELT am SONNTAG vom 12.08.2018

Autorin: Gesine Borcherdt