"Erik, ich will Kakteen"

Erik Dhont gestaltet Parks wie abstrakte Gemälde und hat Geduld mit seinen Kunden. Kerstin Schweighöfer traf einen Gartenstar ohne Allüren.

Von oben betrachtet sehen sie aus wie überdimensionale Amuse-Gueules - lauter Häppchen, oval oder kreisrund, mal knallgrün, mal gelb, glatt und kugelig oder strubbelig, als würden sie den Gaumen kitzeln. Doch was sich da im Garten des Restaurants "Le Chalet de la Forêt" in Ukkel bei Brüssel breitmacht, sind an die 50 Pflanzeninseln in Hochbeeten mit den verschiedensten Gemüsesorten, aus denen sich Chefkoch Pascal Devalkeneer jeden Tag bedient, um Köstlichkeiten zuzubereiten, die dem "Michelin" zwei Sterne wert sind. Umgeben sind die Gemüsebeete von einem Dreifachsaum aus Obstbäumen, Beerensträuchern und Kräutern, die herrliche Gerüche verströmen, dazwischen stehen Sessel und Stühle für Gäste und Personal - und mittendrin ein großer Quittenbaum, der im Sommer Schatten spendet: Es ist begehbare Poesie, und das auf fast 1200 Quadratmetern. Vogelgezwitscher inklusive.

Für den Spitzenkoch war der Garten ein lang gehegter Traum. Entworfen hat ihn sein Landsmann Erik Dhont. Der 58-Jährige gilt als einer der besten Landschaftsarchitekten der Welt, ein Star wie der Niederländer Piet Oudolf oder Louis Benesch aus Frankreich. Zu seinen Auftraggebern gehören Konzerne, Kunstsammler und Schlossherren. Er hat den Garten von Dries Van Noten gestaltet und den des Musée Picasso in Paris, hält weltweit Vorträge und wird mit Ausstellungen gefeiert.

Dhonts Markenzeichen: einfache Grundrisse, klar und geometrisch. So wie alle seine Entwürfe erinnert auch der Garten des Restaurants in Ukkel an ein abstraktes Gemälde. Es könnte von Miró oder Paul Klee stammen. "Ihre Bilder in Landschaften umzusetzen - darum geht es mir", erklärt er in seinem Brüsseler Büro, das, im siebten Stock eines Altbaus gelegen, einen Panoramablick über die Stadt bietet. Vorbei an Bücherregalen, Pflanzentöpfen und zusammengerollten Plänen steuert er auf seinen Schreibtisch zu. Sein Ziel als Gestalter ist das perfekte Gleichgewicht zwischen Natur und Kultur. "Eigentlich sind alle meine Gärten ein Balanceakt."

Erik Dhont trägt einen dunklen Pulli mit praktischem Reißverschlusskragen, sein Haar ist leicht ergraut, die Stimme unaufgeregt - das ganze Auftreten frei von Eitelkeit. Vielleicht auch, weil er sich täglich mit etwas beschäftigt, was auf alle Menschen ähnlich wirkt. Gärten sind nicht nur für ihn Orte der Erholung, in denen die Sinne genauso stimuliert wie entspannt werden. Orte, die gedankliche Knoten lösen können und in denen sich komplizierte Sachverhalte strukturieren: "Schicken Sie eine handvoll Geschäftsleute auf einen Spaziergang durch den Garten, und sie kommen nach 15 Minuten mit etwas zurück, auf das sie sich in stundenlangen Sitzungen zuvor nicht einigen konnten: mit einem Deal."

Für Hermès wird er jetzt den Park einer neuen Ledermanufaktur gestalten, die das Unternehmen in Louviers in der Normandie baut, zusammen mit der in Paris ansässigen libanesischen Architektin Lina Ghotmeh. Und obwohl Dhont noch nicht viel über diesen Auftrag sagen darf, steht für ihn eines fest: "Die Hermès-Mitarbeiter werden morgens gut gelaunt am Arbeitsplatz eintreffen. Und abends genauso fröhlich wieder zu Hause sein." Weil sie vor und nach der Arbeit seinen Park durchqueren. Am Anfang all seiner Entwürfe steht die Linie. "Und zwar immer", betont er und greift zu Bleistift und Papier, die auf seinem Schreibtisch stets parat liegen: Hier eine Diagonale, da ein Viereck oder ein Oval - so schafft er Strukturen und Spannungsfelder, findet die richtigen Proportionen, den passenden Rhythmus. Es ist wie eine Komposition, bei der auch noch der Lauf der Sonne berücksichtigt werden muss sowie Bodenbeschaffenheiten, Hügel und Senken.

Nie geht es ihm darum, die Natur zu zähmen. Vielmehr greift er Vorhandenes auf und spitzt es zu, um Schönheit und Wirkung der Natur optimal zur Entfaltung zu verhelfen. "Was nicht heißt, dass ich nicht korrigierend oder erneuernd eingreifen darf!" Wenn es sein muss, verlegt er Zufahrtswege und vergrößert Teiche. Im oberfränkischen Untersiemau bei Coburg, wo ein Schlossherr seiner Braut einen renovierten Park als Hochzeitsgeschenk machen wollte, verlegte Dhont einen Bachlauf vom Rande des Grundstücks in dessen Mitte. Die neu angelegten Pfade und Terrassen sehen aus, als seien sie dort schon seit Jahrhunderten, weil er für sie den in der Region typischen Muschelkalkstein verwendete. Weil er den neuen Gemüse- und Kräutergarten aber streng geometrisch anlegte, erscheint die Anlage zugleich zeitgenössisch.

Formschnittgehölze wie Buxus und Taxus wiederum verwandelt er in geometrische Skulpturen: In La Gara, einem Landgut aus dem 18. Jahrhundert in Jussy bei Genf, wirken sie wie grüne Blöcke, die von einer Riesenhand zwischen Birkenbäumen auf dem Rasen ausgestreut wurden. Andernorts winden sie sich wie Röhren durch die Landschaft. Dhont wuchs als Stadtkind auf, seine Eltern führten in Brüssel ein Lebensmittellädchen, er selbst studierte Grafikdesign. "Mit Gärten hatte ich nichts am Hut." Bis er in einer Kneipe einen Mann kennenlernte, der noch heute zu seinen besten Freunden zählt - den Besitzer einer Baumschule. "Wir sprachen den ganzen Abend nur über Bäume und Pflanzen." Danach war für Dhont klar, dass er Landschaftsarchitekt werden wollte - es folgten ein weiteres Studium ("pauken, pauken, pauken") und Reisen zu Parks und Gärten überall in Europa, "um meine Augen zu trainieren". 1989 gründete er sein Büro, die ersten Aufträge erhielt er von Freunden. Heute sind seine Entwürfe in aller Welt gefragt - auf den Azoren, in Malibu oder Sankt Petersburg.

Nie versucht er, seinen Kunden etwas auszureden. Lieber bietet er Alternativen an: "Eine Linde ist auch sehr schön", pflegt er zu sagen, wenn sich jemand in kühlen Regionen partout eine Palme im Garten wünscht. "Es ist ein Reifungsprozess. Man muss den Leuten Bedenkzeit lassen." Wie jenem Herrn auf Menorca, dem er einen Garten mit Kakteen vorgeschlagen hatte. "'Auf keinen Fall!', war die Antwort. 'Nur über meine Leiche!'", erzählt Dhont. "Nach sechs Monaten rief er an und sagte: 'Erik, ich will Kakteen.'"

Autor: Kerstin Schweighöfer
Mit freundlicher Genehmigung  der Welt am Sonntag entnommen der Magazinbeilage ICON vom 08.03.2020