Von drei Belgiern, die grüne Paradiese schufen

Dieses Trio revolutioniert die Gartenszene seit fast 70 Jahren.

Der Belgier Jacques Wirtz und seine Söhne Martin und Peter haben neue Maßstäbe in der Gestaltung von Landschaft gesetzt. Stets mit großer Geste, wenigen Materialien, dafür aber bravourös und eigen-willig elegant inszeniert. Weltweit sind ihre Kreationen gefragt. Das geniale grüne Werk des im Juli verstorbenen Vaters setzen seine Söhne kongenial fort. Ein Besuch vor Ort in Antwerpen.

Was sind die Mittel eines guten Landschaftsgestalters? Bäume, Hecken, Blumen, Wege und Wasser - darüber der Himmel, der alles widerspiegelt. Licht und Schatten. Alles Zutaten, die der Franzose André Le Notre im 17. Jahrhundert virtuos einsetzte. Hundert Jahre später schuf der Engländer Lancelot Capability Brown mit gleichen Ingredienzien jedoch völlig andere Szenerien  - und verzichtete total auf Formschnitt. Das galt in der neuen Mode des Englischen Landschaftsparks als Sakrileg an der Natur. Das „Natürliche“ siegte über das „Künstliche“.

Vielleicht ist das, was der belgische Landschaftsdesigner Jacques Wirtz ab 1970 schuf, eine geglückte Melange aus diesen zwei Epochen und Stilen. Organisch und streng symmetrisch symbiotisch vereint. „Wilde Regelmäßigkeit“ heißt das Credo - damit bezog er sich auf den englischen Architektur- und Gartentheoretiker Sir Henry Wootton, der 1624 schrieb: „Gärten sollten irregulär sein oder letztlich in einer sehr wilden Regelmäßigkeit  münden.“ Wirtz bereicherte sie um ein für ihn typisches, wichtiges Element, das im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts alles andere als en vogue in Europas Gärten war: Gräser! So wie der Belgier damit verfuhr, wurde aus dem „Haar der Erde“  (Karl Foerster) plötzlich ein neben Bäumen und Hecken gleichberechtigtes Gestaltungsmittel von elementarer Wucht. Und wo bleiben da die Blumen? „Ich bin kein Blümchengärtner“, bekannte Wirtz senior einmal selbstironisch. Dennoch tauchen sie ab und an in manchen Gärten auf, schwerelos hingetupft. „Staudenbeete haben hohen Pflegeaufwand und dann wird es oft schwierig“, ist die Erfahrung bei Wirtz. „Sans fleur, sans souci“ - Voilá, Wirtz-Paradiese wirken auch so - und zwar gewaltig.

Eine geniale Dreisamkeit

Ortstermin in Antwerpen. Ich treffe mich - lange vorher verabredet - mit Peter Wirtz, zwei der vier Kinder sind ebenfalls Landschaftsarchitekten. Drei Tage vorher, am 21. Juli, starb der 93jährige Vater. Der Sohn sagt: „Ich bin froh, heute nicht im Büro zu sein, sondern in den Gärten meines Vaters, da bin ich ihm wieder ganz nah“. Unser erster Garten ist allerdings ein Kleinod von Bruder Martin. Das luxuriöse Boutique-Hotel „Cabosse“, mitten in der Stadt, offenbart im „Hinterhof“ eine kleine feine Oase. Naturteich und s-förmig geschwungenes schmales Rasenband lockern das Quadrat auf, eine Bambuswand schirmt ab zum Nachbarn, einige immergrüne Formschnitt-Hecken bieten Sichtschutz. Typisch Martin? „Nein“, widerspricht Peter, „was wer von uns gemacht hat, ist nicht unterscheidbar. Wir drei haben stets sehr eng gemeinsam entworfen, beraten, verbessert - es gab nie Kontroversen, immer Einigkeit, es ist  e i n e Handschrift!“

Der nächste Garten im vornehmen Außenbereich Antwerpens ist ein großer privater Park (1990). Noch sehr geprägt vom Vater mitsamt dem Zauber-Zubehör, das den Wirtz-Stil so charakteristisch macht. Grundzutaten wie Immergrüne Gehölze (Buchs und Eibe), Rotbuche (Fagus sylvatica), die bis in den Winter mit rostrotem Laub besticht,

Formschnitt, Gräser. Konzentration auf Weniges, aber Wesentliches. Dieses dann brillant variiert und kombiniert. Es ist die großzügig-elegante Gestaltung des Raumes, das Wechselspiel von Intimität und Weite, Symmetrie und Lässigkeit, überraschenden Wendungen von Wegen, gelungenen Kurven, Sichtachsen und markanten Solitären, was hier - und bei fast allen Wirtz-Gärten - den besonderen Reiz ausmacht. Ein Halbkreis-Fächer mit kurzgeschnittenen  Graswegen und großen Tortenstücken aus hohen buschigen Gräserschöpfen (Pennisetum alopecuroides), übermannshohe Formschnitt-Buchen in Bienenkorb-Form setzen Eckpunkte. Spiegelbildlich zwei Broderie-Labyrinthe aus Hainbuchen, das Rokoko läßt grüßen. Dann am Ende des Parks ein atemberaubendes Finale mit noch mehr Le Nôtre-Touch, transformiert in die Moderne: ein lange schmaler Kanal wird eskortiert von einer in vier Stufen terrassierten Böschung aus Rotbuchen-Hecken, mit absoluter Akkuratesse in Kastenform getrimmt. Darüber ein schmaler Sicht-Schlitz, damit man die Stämme der ebenfalls in Kastenform gezogenen Hainbuchen-Bäume genießen kann. Sie wirken wie aus einem einzigen Guß. Grandioses grünes Theater, daß sich im rechten Winkel fortsetzt, in einen Kreis mündet. Der Clou ist die Verdoppelung im Spiegel des Wassers. So schlicht, so raffiniert. Fast möchte man mit Bertolt Brecht rufen „Glotzt nicht so romantisch!“, denn romantisch ist hier nichts. Eher surreal, hypnotisch in seinen vielen grünen Facetten, berührend in seiner meditativen, herben Askese. „Strenger Formalismus, aber die alten Strukturen im Free-Style interpretiert“, bilanziert Peter dieses Werk seines Vaters. Dieser Spirit prägt viele Wirtz-Schöpfungen.

Eigenwillige Entwürfe – für eigenwillige Auftraggeber

Jacques Wirtz, 1924 in Antwerpen geboren, gründet nach einem Studium als Landschaftsarchitekt 1957 sein eigenes Büro in Schoten nahe Antwerpen. Als die beiden Söhne Peter (geb. 1961) und Martin (geb. 1963) mit einsteigen, wird daraus 1989 Wirtz International. Der Vater macht  erstmals Furore, als er 1970 den Belgischen Pavillon bei der Weltausstellung in Osaka gestaltet. Dieses Glanzstück einer „verwirrenden Mischung aus klassischer Schönheit und Science-Fiction-Fantasy“, so ein Kritiker damals, hievt ihn auf die Weltbühne. Francois Mitterand beauftragt ihn mit der Restaurierung des Herzstücks von Frankreich, den Caroussel-Gärten zwischen Louvre und Tuilerien in Paris (1990-1995). Catherine Deneuve und Modeschöpfer Valentino wollen einen Wirtz-Garten. In Deutschland entsteht um den von David Chipperfield erbauten Firmensitz einer Textilfirma im Münsterland ein Wirtz-Garten á la carte: kleine Grashügel, geschlängelt Wege, Wasserbecken, amorphe Gräser-Tuffs, dazu malerische Gehölze wie Blauglockenbaum (Paulownia) und Japanischer Schnurbaum (Sophora). In Thüringen wird ein Firmengelände zu einem poetischen Park mit Japan-Touch durch etliche Varietäten von Zierkirsch- und Zier-Apfelbäumen, die im Frühjahr als blühende Fackeln aus organisch gewölbten Blutbuchen-Wällen ragen. Wenn Wirtz Gehölze wählen, geht es neben dem charaktervollen Habitus  oft um spektakuläre Herbstfärbung.

Gibt es nun einen Wirtz-Stil? „Nein“, sagt Peter, „wir lassen uns in keine Schublade zwängen und folgen auch keinen Moden“ Wichtig seien Sensualität und das Eingehen auf den Genius loci. Und wenn der fehlt? „Dann muß man die Seele finden!“ Wie im Londoner Jubilee-Park (2002), wo plätschernder Wasserlauf, schattiger Hain mit Sumpf-Zypressen (Metasequioa) und gekurvte Mauern mit Kopfschmuck von Federborstengras ( Pennisetum aloperucoides) für Naturfeeling mitten in der City sorgen.

Wenn Peter Wirtz einen Vortrag  hält - auf Symposien, in Hochschulen - ist das stets über das Fachliche hinaus ein amüsantes Lehrstück. Mal wettert er über die miserablen Pflanzenkenntnisse von Studenten. Dann klagt er, ein Haus, um das herum sie den Garten gestalten sollten, „zerschmetterte fast das Grundstück! Was sollte man da noch machen?“ Natürlich machte das Wirtz-Trio auch da wieder etwas Magisches. Er erzählt von Japan - dessen Gartenkunst alle sehr inspirierte - und wie unglaublich gut die Gärtner dort sind. Von Amerika, wo Wirtz viele private Aufträge zwischen Long Island, Miami und Los Angeles hat und die Kunden abenteuerlustiger, vertrauensvoller und vorurteilsfreier seien als in Europa, „da wissen die Leute meist nur, was sie n i c h t wollen!“ Das ihre Arbeit in Belgien ein Kampf gegen ständig trübes Wetter, bleischweren Himmel und dadurch verursachte Melancholie sei. Also pflanzt er als „Stimmungsaufheller“ Lederhülsenbäume (Gleditisien), mit feinstgefiederten Laub in unwirklich hellem goldgelb-grün.

Die  Wirtzschen „Cloud hedges“, Wolken-Hecken aus Buchs, sind längst vielkopiertes Markenzeichen in der grünen Szene. Wolkige, amorphe Gebilde wie aus einem Grimmschen Märchen, so schwingen sie im Privatgarten von Wirtz senior den Weg entlang, als würden sie tänzelnd einer geheimen Melodie folgen. Bruckner, Mahler, Bach? Die Liebe zu klassischer Musik prägte den Vater sehr, Sohn Peter hat sie geerbt. Er studierte sogar Musik, machte sein Diplom in Querflöte, aber dann war ihm die Musikwelt „zu hart“. Nach einem Studium der Landschaftsarchitektur in Cornell, USA, stieg er mit in die Firma ein. Das moderne schlichte Holzgebäude liegt gleich neben dem Familien-Anwesen, dazu eine kleine Baumschule.

Hecken prägten den Stil

Apropos Hecken: wenn, dann prägen  s i e  den Wirtz-Stil - diesen opulenten Minimalismus - mit. Als purpurfarbene Rhododendron-Schlange im Garten des Antwerpener Antiquitätenhändlers Axel Vervoordt. Hecken gekurvt, stets wie mit der Nagelschere manikürt, denn ohne Facon ist der Effekt futsch. Hecken modelliert, aus Ilex crenata, „die fast wie Stoffe wirken, so feinblättrig“. Hecken als lebende Skulpturen, die Räume bilden oder unterteilen. Als theatralische Kulissen wie im britischen Alnwick. Der Park, 1750 von Lancelot Brown gestaltet, dann verwildert, wurde 1997 im Auftrag der Herzogin von Northumberland durch Wirtz einem spektakulären Revival unterzogen. Das ambitionierteste neue Gartenprojekt in Großbritannien seit dem 2. Weltkrieg. Mit schattigen Formschnitt-Laubengängen, riesigem Baumhaus, Wasserkaskaden und - Achtung: Rosengarten! - pures Vergnügen für eine begeisterte Öffentlichkeit.

Wer da denkt, Wirtz gestalteten nur Areale von ausladendem Ausmaß, irrt: sie können auch klein ganz groß. 170 Quadratmeter hat der Garten von Marie Luise Wolff hinter ihrem Ferienhaus im belgischen Knokke. Vom Resultat ist die Dame mehr als begeistert: „Ein Wirtz-Garten vermittelt immer den Eindruck eines Parks, egal wie klein er ist. Er wirkt großzügig und weit, durch sein Spiel mit vielen Nuancen von Grün, mit Hintergrund und Vordergrund, mit Achsen und Perspektiven sowie den ganz unterschiedlichen Blattformen!“ Ja, sie sind begnadet darin, ein Terrain zu modellieren mit Pflanzen, die man eigentlich kennt, aber die in dieser Form der Gestaltung völlig anders, fremd, poetisch, surreal, manchmal wie von einem anderen Planeten wirken. Eine Formation mannshoher Rotbuchen in Bienenkorb-Form wirkt plötzlich wie grüne Aliens. Riesige kerzengerade Gräser-Tuffs erscheinen als geheimnisvolle Mini-Wälder, andere schmiegen sich wie schlafende Tiere zwischen Rasenhügel. Das Wirtz auch mal das Dekor für eine Modenschau des Ex-Diors-Designers Raf Simons gestaltete, sei am Rande vermerkt.

Jacques Wirtz starb mit Blick auf seine geliebten blauen Rittersporne. Die Söhne werden sein Vermächtnis in seinem Geist kongenial weiterführen.

Autor: Christa Hasselhorst

 

Zur Website Jaques Wirtz: http://www.wirtznv.be/