Unsere grünen Mitgeschöpfe

Sie gaben der Welt ihre Form – Pflanzen, schreibt der italienische Philosoph Emanuele Coccia, wurden lange unterschätzt. Weil der Mensch sich als die Krone der Schöpfung verstand.

Was ist das, eine Pflanze? Ein unbewegliches Ding, der Welt und ihren Launen hilflos ausgeliefert? Ein dekoratives Ornament, gerade gut genug, in Rabatten gepfercht und in Blumenkästen auf dem Balkon gezwängt zu werden? Devot dienender Produzent von Nahrung, mit futuristischen Maschinen und chemischen Substanzen auf Hochleistung getrimmt? Ja, ja und ja. Sagt unser Umgang mit ihnen.

Nein, nein und nochmals nein. Sagt Emanuele Coccia. Der italienische Philosoph, der Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris ist, hat mit Die Wurzeln der Welt ein bemerkenswertes Buch vorgelegt. Nicht nur, weil er darin Gedanken formuliert, die noch nie jemand aufgeschrieben hat, sondern weil er sie mit einer Radikalität zu Ende denkt, die einen über sich selbst erschrecken lässt: wie ignorant man jahrzehntelang gelebt hat!

Wenn Coccia seine Augen auf die grünen Mitgeschöpfe richtet, weitet er seinen Blick auf die größtmögliche Skala, zeitlich gesehen, botanisch und vor allem in ihren Bedeutungszusammenhängen. Man will mitunter widersprechen, so vehement weigert er sich, es eine Nummer kleiner zu machen als so: Pflanzen haben diese Welt erschaffen, und alles Leben auf diesem Planeten, auch das unsere, hängt von dem Vorhandensein von Chloroplasten ab.

Dabei waren ebenjene Zell-Maschinen, die Pflanzen in Acid-, Auen- oder Avocado-, in Mint-, Moos- oder Meeres-, in Senf-, See- oder Smaragdgrün hüllen, zuallererst: Massenmörder. Das ist zwar schon eine Weile her, 2,4 Milliarden Jahre, doch es lohnt die Erinnerung daran. Sauerstoff gab es damals kaum auf dem Planeten, und wenn doch, wurde er durch Oxidierung schnell gebunden. Mit der Erfindung der Fotosynthese jedoch änderte sich das schlagartig – zumindest wenn man die geologischen Zeitskalen betrachtet. Die Chloroplasten, die zuerst in Cyanobakterien oder Blaualgen lebten, produzierten Sauerstoff. Nach und nach reicherte sich das Giftgas O₂ in der Atmosphäre an. Einst herrschende Lebensformen, die an ein Leben ohne Sauerstoff angepasst waren, verschwanden. Es begann die Zeit der Pflanzen. Sie dauert bis heute an.

Coccia kontert den anthropozentrisch-überheblichen Vorwurf der Passivität und des Ausgeliefertseins mit der Tatsache, dass es Pflanzen waren, die der Welt die heutige Form gegeben haben. Dafür mussten sie nichts weiter tun, als nur zu sein, mussten sich nicht bewegen, nicht handeln und veränderten doch die Welt, maximal global. Sauerstoff, den wir zum Leben brauchen, ist nichts anderes als ein Abfallprodukt aus dem Leben der anderen. Gibt es angesichts des myriadenfachen Beweises der Prozesse, die täglich in den Zellen von Affen-Knabenkraut, Gundermann, Schwalbenwurz oder Maiglöckchen stattfinden, noch Zweifel daran, dass Sein auf diesem Planeten immer ein Tun ist? Offenbar, sonst hätte Coccia Die Wurzeln der Welt nicht zu schreiben brauchen.

Pflanzen bringen das Meisterstück fertig, Sonnenlicht und Kohlenstoff in Leben zu verwandeln, sie streben der Sonne entgegen und sind doch fest mit dem Boden verbunden, aus dem sie hervorgehen, leben amphibisch an der Grenzfläche zwischen Luft und Erde. Eine Pflanze, schreibt Coccia, ist eine "Maschine, die die Erde an den Himmel bindet". Schöner kann man das kaum sagen.

Eine angenehme Lektion in Demut

Was dieses Buch so zauberhaft macht, ist, wie es Gedanken sacht aufhebt, die wohl jeder schon einmal gedacht hat, der sich auf Natur eingelassen hat (also hoffentlich, leider tut es nicht jeder), und diese dann weiterträgt. Etwa die Überlegung, ob Pflanzen, trotz der Absenz von Sinnesorganen und komplexen neuronalen Strukturen, so etwas wie ein Bewusstsein, ein Weltempfinden haben.

Immerhin ähneln die Wurzeln, wenngleich im Dunkeln verborgen, in Aufbau und Funktion dem tierischen Gehirn. Sie sind keine Anker, sie sind Netzwerke, durch sie fließen Nährstoffe und Informationen, sie durchdringen ihre Umwelt und stehen mit ihr in Kontakt. Schon Platon schrieb, dass der Mensch ein Gewächs sei, "das nicht in der Erde, sondern im Himmel wurzelt".

Dankenswerterweise nimmt Coccia nicht die Abkürzung über Metaphern, etwa wenn er über Wurzeln schreibt. In der Sprache ein Synonym für Standhaftigkeit und Erdung, sind die unterirdischen Fortsätze von Baum, Kraut, Busch und Strauch viel mehr. Sie sind ein Spiegelbild des heliozentrischen Lebens, das die Pflanzen mit ihren Blättern in der Luft führen. Die Erde ist dabei nicht die feuchte homogene Masse, sondern ein mineralisches Wunderland, voller eigener Regeln und Bewohner, die sich uns Tieren zwar nicht erschließen, aber deswegen nicht weniger wertvoll sind.

Es gibt Stellen in Coccias Buch, die verlangen es, zwei-, drei-, sogar viermal gelesen zu werden, nicht immer kann man sich am Ende sicher sein, den Gedanken verstanden zu haben. Das ist eine angenehme Lektion in Demut. Diese empfiehlt Coccia als Mittel gegen den herrschenden tierischen Chauvinismus. Man weiß es ja eigentlich und vergisst es doch: Es sind Pflanzen, die "Welt machen".

Autor: Fritz Habekuß

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung aus der Wochenzeitung DIE ZEIT # 12/2018.