Vom Wertewandel der Dächer und Fassaden

Dächer und Fassaden gelten gemeinhin als bautechnische Elemente zum horizontalen und vertikalen Schutz von Gebäuden. Neben diesen vorwiegend bautechnischen, bauphysikalischen und sicherheitstechnischen Belangen gilt aber immer ein besonderer Augenmerk der Gestaltung und Ästhetik der Gebäude, für Stadtbild prägende Ensemblewirkungen Wirkungen sowie für die (Selbst-)Darstellung von Architekten und Bauingenieuren bezüglich der Baukunst. So waren diese Gewerke jahrhundertelang im Fokus der Ingenieure und Bautechniker. Nun liegt eine neue Zeit vor diesen Elementen. Stadtplaner und Ökologen, Investoren und Wirtschaftsmagnaten widmen sich diesen Bereichen. Es sind die letzten Optionen einer zukünftigen Stadtentwicklung, die tatsächlich noch inhaltlich wesentlich beeinflusst werden können. Stadtökologie und gesellschaftlicher Wandel, wirtschaftliche Erwägungen und neue Nutzungsformen bringen ungeahnte Optionen für die Dächer und Fassaden der Stadt der Zukunft.

Einem aktuellen Bericht der UNO zufolge werden 2050 weltweit 67 % Menschen in Städten leben. Bereits heute sind es in Europa über 70 %, die in Städten und urbanen Ballungszentren leben. Neben dieser zukünftigen „räumlichen Prägung“ zur Urbanität wird es eine weitere fundamental neue Entwicklung geben: Das körperlich gesunde und geistig fittere Älterwerden. Nach einer Analyse des wissenschaftlichen Dienstes des Europäischen Parlaments von Mai 2019 ist von einer „dramatischen Alterung der EU-28“ auszugehen. Es wird davon ausgegangen, dass sich der Anteil an Menschen im Alter von 80 Jahren oder darüber in der Bevölkerung der EU-28 bis 2050 mehr als verdoppeln wird.
Das alles eingebunden in ökologische Veränderungen wie Klimawandel, Hochwasserereignisse und dramatischen Biodiversitäts- und Artenverlust. Im neuen Lagebericht der Europäischen Umweltagentur (EEA) von Oktober 2020 heißt es zum Thema Naturschutz & Biodiversität: „Artenverlust und Umweltzerstörung in der EU in der Abwärtsspirale. Der Natur in Europa geht es miserabel. Lebensräume, Tier- und Pflanzenarten sind unter massivem Druck.

Wenn das 20. Jahrhundert das der Nationalstaaten war, wird das 21. Jahrhundert das der Metropolen werden. Sie müssen die zentralen Probleme der postmodernen Gesellschaft angehen: Klima, Integration, Sicherheit und Mobilität. „Wenn Bürgermeister die Welt regierten wären viele Probleme längst gelöst“, schrieb der amerikanische Professor für Zivilgesellschaft Benjamin Barber einmal. „Weil sie konkret und bürgernah auf Krisen reagieren können. Das heißt: Dieses 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert neuer, grüner ökologischer Gebäudearchitektur mit völlig neuen Wertigkeiten von Dächern und Fassaden. Angesichts der im urbanen Raum nicht zu vermehrenden Fläche, das heißt extremer Flächenknappheit, der immer exorbitanter anwachsenden Grundstückspreise mit der Folge hochgradig wirtschaftlicher und renditeorientierter Vermarktung, sind Dach- und Fassadenflächen die einzigen Reservoire für die Stadt der Zukunft,- vermutlich die letzten noch wirklich zu entwickelnden grünen Oasen, eine „urbane Arche Noah“ für die Stadt des 21. Jahrhunderts.

Neue Werte von Dächern und Fassaden

Angesichts der mittlerweile aktuellen, noch bedeutsamer aber angesichts der zukünftigen vor der Stadt und der Gesellschaft liegenden Veränderungen werden genutzte Freiräume auf Dächern und an Fassaden als neuer Wertfaktor wahrgenommen. Wer dabei nur an die Errichtung von Solaranlagen denkt, handelt volkswirtschaftlich unverantwortlich.

So widerspricht die hohe Flächenversiegelung in Großstädten dem natürlichen Zustand eines nicht bebauten Gebiets und führt bei Regen zu erhöhtem Oberflächenabfluss. Der Abfluss des Niederschlagswassers auf versiegelten Oberflächen und die Ableitung in Kanälen bei konventioneller Entwässerung stören das natürliche System. Gerade bei Starkregen resultiert daraus eine Überlastung der Kanalnetze. Als Folge kommt es zu verheerenden urbanen Sturzfluten, wie sie ganz aktuell im Juni und Juli 2021 erlebt werden mussten.

Zu den Extremereignissen zählen allerdings nicht nur die Starkregen, sondern auch das vermehrte Auftreten von sogenannten urbanen Hitzeinseln und langanhaltenden Trockenheiten. So heizen sich in stark versiegelten Bereichen einer Stadt die Glas-, Stahl- und Betonfassaden auf. Eine mögliche Kühlung durch verdunstendes Wasser wird durch die sofortige Ableitung des fallenden Niederschlags verhindert. Bei der Bewältigung dieser Umweltprobleme kommt der intelligent-innovative Nutzung von Dächern und Fassen eine fundamentale, ja (über-)lebenswichtige Aufgabe in der Entwicklung der „Schwammstadt“ (Sponge-city) zu.

Bei diesem Konzept gilt es, sämtliche Dächer und Fassaden zu begrünen und mittels kluger Bau- und Vegetationstechnik, das heißt Boden- und Pflanzenauswahl, das Niederschlagswasser möglichst lange in Boden und Vegetation zu speichern. Diese Begrünung von Oberflächen (Dächern, Fassaden, Straßenzügen) fördert die Verdunstungskühlung und wirkt der Entstehung von Hitzeinseln entgegen. Über diese Anpassungsstrategie wird außerdem das Regenwasser zu großen Teilen in der Stadt zurückgehalten und nicht über Kanäle abgeführt. Die Schaffung von vielen kleinen Speicherräumen im Straßenraum und auf Dachflächen führt zur verzögerten und gedrosselten Ableitung eines Teils des Niederschlags und erhöht über die Bepflanzung zeitgleich die Verdunstung, um so das Stadtklima zu verbessern.

Stadtentwicklung, Gebäudeplanung und (Stadt-)ökologie sind als Gesamtsystem verstehen.  Dieses hat auch etwas mit Lebensqualität, mit menschlicher Nähe mit Bezug zur Umwelt zu tun. Es darf auch nicht nur um die „happy few“ gehen, die in den Genuss eines privaten Dachgartens kommen. Im Aufbruch der Moderne in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es bedeutende Ansätze für Dachnutzungen.

Aber auch den Fassaden kommt ein neuer Wert zu. Nicht mehr „nur“ primäre wärmedämmende Technik, sondern Orte für neue florale wie faunistische vertikale Lebensräume. Die historische klassische „Fassadenbegrünung “ gilt es in moderne „vertikale Gärten“ zu transponieren.

Dach und Fassade, urbane Juwelen der Zukunft

Es sind optionale Herausforderungen, die nicht Jedem und nicht schnell in ihrer Wertigkeit einsichtig ist. Juwelen, die aber in 10-facher Hinsicht wirken und für Stadt und Gesellschaft neue Bedeutung erlangen werden:

1.  Erreichbarkeit: Grüne Freiräume auf den Dächern sind schnell erreichbar, kostengünstig, wohnungsnah. Angesichts begrenzter urbaner Flächenressourcen, ökonomischen Wertprämissen von „Fläche“ und einem demografischen Wandel mit mehr älteren und nur begrenzt mobilen Menschen, ergeben sich neue vielfältige Angebote für Naturerlebnis in, an und auf dem Gebäude.

2.  Sicherheit/Zerstörung: Nicht nur für den Artenschutz stellt das hohe Maß an Sicherheit, kaum zu erwartenden Zerstörungen und Vandalismus bei problemlosem Zugang und einer Nutzung auch nachts, eine bis dato nicht gekannte und nicht genutzte urbanen Freiraumqualität dar. Für Mensch und Tier können Dächer die sichersten Freiräume der Stadt sein.

3.  Nutzbarkeit: Die bei begrenzten Flächenressourcen im urbanen Raum häufig auftretenden Nutzungskonflikte können durch die Nutzung von Flächenreserven auf dem Dach aufgefangen werden. Ob fehlende Spiel- oder Sportanlagen oder die Ausweisung von Rückzugräumen (Gebetsflächen) für Menschen mit Migrationsintergrund zur Ausübung ihrer alltäglichen religiösen Verpflichtungen – alles weitgehend konfliktfreie Möglichkeiten auf entsprechend genutzten und gestalteten Dächern.

4.Wirtschaftlichkeit: Unabhängig von den ökonomisch vermarktbaren Freizeitangeboten und Nutzungsmöglichkeiten auf Dächern kommt angesichts der wirtschaftlichen Prämissen im Immobiliensektor den Forderungen nach Kosteneinsparung bei gleichzeitig wachsenden Umweltschutzanforderungen zum Thema Ressourcenschutz, effizienten Techniken zum nachhaltigen mit sparsamen Energie- und Wasserverbrauch, eine besondere Bedeutung zu.  Durch eine, je nach Schichtaufbau, Vegetation und regionale Niederschlagsverteilung mögliche Wasserzurückhaltung von 30 bis 90 % auf dem Dach werden erheblich Abwassergebühren eingespart.

5. Technischer Umweltschutz/Ressourcenschonung: Werden die heute perfektionierten Systeme der Solardach-Energiegewinnung mit den ebenso perfektionierten Systemen extensiver Dachbegrünung mit weitgehender Regenwasserrückhaltung kombiniert, entsteht eine äußert wirtschaftliche und nachhaltige Bausymbiose von Natur und Technik.

6. Biodiversität und Artenvielfalt: Aus Sicht des Natur- und Artenschutzes sind die auf Dächern, insbesondere bei Extensivbegrünungen, weitgehend ungestörte Habitate als Brut-, Nist- und Nahrungsräume äußerst wertvoll. Es besteht keine „Gefahr“ von „Garten- und Park-Beutern“ wie Hunden, Katzen, Füchse. Auch die oftmals den Natur- und Artenschutz beeinflussenden Nutzungen durch den Menschen sind weitgehend ausgeschlossen.

7. Klimafunktion: Biologisch gesehen sind konventionelle Dächer Wüsten. Mit begrünten Dächern wird ein ökologischer Ausgleich geschaffen, der nicht nur für den Natur- und Artenschutz von großer Bedeutung ist, sondern als Klimaaustauschfunktion (Klimaschneisen) wirksam werden kann. Vor allem aber sind begrünte Dächer für umweltbewusste Hausbesitzer eine Alternative zu konventionellen Klimaanlagen: Sie dämmen im Winter und kühlen im Sommer. Auch das gehört mittlerweile zum „Standardwissen“ in der Baubranche.

8. „new location“: Dächer, davon sind die Macher des Internet-Musiksenders Tape.tv überzeugt, sind die letzten Ruheräume der Stadt. Sie haben diesen Orten eine eigene Video-Reihe gewidmet, die sie auf verschiedenen Häusern drehen: Sie heißt schlicht „Auf den Dächern“, oft sind nur Gitarre und Stimme zu hören. „Das Dach hat etwas Besonderes“, sagt Fabian Heuser von Tape.tv. „Die Leute sind hier oben losgelöst“. In diesem Sinne offerieren urbane Dachflächen Potentiale für eine Vielzahl von besonderen und ungewöhnlichen kulturellen Nutzungen. Ob tradierte Party- und gesellschaftliche Event-Location oder ungestörter Ort für spezielle gesellschaftliche Gruppierungen.

9. Gesundheit/Bewegung: Sportliche Betätigung im nahen Lebens- und Arbeitsumfeld gehört heute zu den Basics urbaner Lebensqualitäten. In gleicher Weise werden angesichts des demografischen Wandels mit altersbedingten Krankheiten und Pflegeerfordernissen weitgehende Forderungen an Bewegung, Orientierung und soziale wie emotionale Aktivitäten in der Natur postuliert.

10. Ernährung, Landwirtschaft: Der Wunsch nach heimischen Produkten kollidiert immer öfter mit einem anderen: dem Wunsch, urban leben zu wollen. So ist es nicht verwunderlich, dass das Dach als Ort für die kleine, individuelle Ernährung und das Dach als Ort neuer urbaner landwirtschaftlich-gärtnerischer Produktion dabei ist entdeckt zu werden. „Urbaner Gartenbau“ ist ein Teilbereich der multifunktionalen Landwirtschaft, der eine tragfähige Produktion pflanzlicher Erzeugnisse im Ballungsgebiet der Städte in mehrstöckigen Gebäuden oder auf Dächern ermöglichen soll. Wesentliches Kennzeichen in geschützten Systemen ist die Kreislaufwirtschaft und Hydrokultur unter Gewächshausbedingungen. In Gebäudekomplexen auf mehreren übereinander gelagerten Ebenen können ganzjährig Früchte, Gemüse, Speisepilze und Algen erzeugt werden.

Autor: Prof. Klaus Neumann