Mögliche zukünftige Entwicklungen des Landlebens

In den dezentralen Bundesgartenschauen und Internationalen Gartenausstellungen, z. B. der BUGA 2029 im Welterbe Oberes Mittelrheintal und der IGA 2027 in der Metropole Ruhr, beschäftigen sich die DBG und alle beteiligten Kommunen auch mit den landschaftlichen Zwischenräumen. Die integrierte Stadt -und Regionalentwicklung stößt dazu Planungs-prozesse an. Wertvoll ist eine Buchneuerscheinung, in der Autor Prof. Werner Bätzing Analysen und Aussichten zur Zukunft des Landlebens vorstellen. Seine Erkenntnis: Land und Stadt sind jeweils so eng aufeinander bezogen und beeinflussen sich so stark wechselseitig, dass ihre Beziehung nicht als ein Gegensatzpaar (entweder – oder) sondern als ein spezifisches Aufeinanderbezogensein (mehr – weniger) verstanden werden muss. Wir dürfen hier einen Ausschnitt, Kapitel 8.2. seines Buches als Leseprobe veröffentlichen.

Wie sieht jetzt die Zukunft des Landlebens und des ländlichen Raums aus? Zu Beginn werden vier Entwicklungs-möglichkeiten vorgestellt, die eine gewisse Wahrscheinlichkeit besitzen, und dann folgen zwei etwas unwahr-scheinlichere Entwicklungsmöglichkeiten. Bei diesen Überlegungen zur Zukunft arbeite ich mit der so genannten „Szenariotechnik“: Dabei geht es um mögliche Zukunftsentwicklungen, indem mittels der Wahl verschiedener Schlüsselfaktoren und Rahmenbedingungen unterschiedliche Entwicklungspfade für den ländlichen Raum entworfen werden. Die Aufgabe von Szenarien ist es nicht, eine möglichst wahrscheinliche Entwicklung zu erarbeiten, sondern – da Zukunft weder alternativlos noch berechenbar ist – sehr unterschiedliche „Zukünfte“ zu entwerfen, um die Selbstverständlichkeiten unserer Gegenwart zu relativieren und dadurch Freiräume für zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten denkbar zu machen.

Szenario „Trend“: Dieses Szenario geht von der Voraussetzung aus, dass die Entwicklung in den kommenden 15-20 Jahren genauso ablaufen wird wie in den vergangenen 15-20 Jahren. Angesichts zahlreicher unvorhersehbarer Ereignisse in der jüngeren Vergangenheit ist dieses Szenario keineswegs sehr wahrscheinlich; da die vergangene Entwicklung jedoch genau bekannt ist, lassen sich die Auswirkungen dieses Szenarios sehr gut berechnen.

Das Bevölkerungswachstum der Metropolen und der meisten Großstädte wird bis 2035 weitergehen, wodurch in erster Linie die suburbanen Räume um Hamburg, Berlin, Köln, Stuttgart-Heilbronn und München herum sowie entlang der Rheinschiene zwischen Frankfurt und Basel stark wachsen und sich räumlich weiter ausdehnen werden. Städtische Räume im Ruhrgebiet, im Saarland, in Rheinland-Pfalz und in Ostdeutschland werden dagegen Einwohner verlieren. Der ländliche Raum wird durch das Wachstum der suburbanen Räume weiter verkleinert, und allein im Emsland und im Oldenburger Münsterland wird seine Bevölkerung noch spürbar wachsen. Ansonsten gibt es im ländlichen Raum in kleineren Gebieten – vor allem in Süddeutschland – eine Bevölkerungsstagnation und in großen Gebieten – in Ostdeutschland fast flächendeckend, in Westdeutschland auf großen Flächen – einen Bevölkerungsrückgang.

Damit wird der ländliche Raum auch in Zukunft weiter geschwächt werden, und es wird absehbar, dass der ländliche Raum als Lebens- und Wirtschaftsraum langsam verschwinden wird. Allerdings dürfte dies erst nach dem Jahr 2035 in größeren Gebieten zur Realität werden.

Szenario „Neoliberalismus total“: Wenn der Staat seine bisherige Politik ändert und sehr konsequent alle seine Politikbereiche, Struktur- und Fördermaßnahmen ausschließlich an den Leitideen des Neoliberalismus ausrichtet, dann kommt der ländliche Raum sehr schnell in eine Krise: Zentrale Grundpfeiler der Daseinsvorsorge (siehe Kapitel 7.3) und wichtige Rahmenbedingungen für das Wirtschaften im ländlichen Raum würden schnell wegbrechen; da sie nicht ersetzbar wären, müssten viele Menschen und viele Wirtschaftsbetriebe den ländlichen Raum verlassen. Dadurch würde er in ziemlich kurzer Zeit sehr stark als Lebens- und Wirtschaftsraum entwertet werden.

Szenario „Globale Wirtschaftskrise“: Wenn auf Grund von Spekulationen im Finanzsektor, heftigen Handelskriegen und internationalen kriegerischen Konflikten eine länger andauernde globale Wirtschaftskrise entsteht, dann geht diese Entwicklung zu Lasten des ländlichen Raumes: In einer Wirtschaftskrise werden sich die großen Wirtschaftsbetriebe auf ihre konkurrenzstärksten Standorte in den Metropolen zurückziehen, zahlreiche dezentrale mittelgroße Wirtschaftsbetriebe werden in Schwierigkeiten geraten und Arbeitsplätze abbauen, und viele Kleinbetriebe im ländlichen Raum, die auf überregionale Märkte ausgerichtet sind, werden schließen. Dadurch wird der ländliche Raum als Wirtschaftsstandort stark geschwächt.

Durch die Schwächung der überregionalen Konkurrenz und den Anstieg vieler Preise erhalten lokale und regionale Produzenten und Dienstleister im ländlichen Raum wieder bessere Möglichkeiten. Sie können jetzt ihre traditionellen Vorteile – Leben und Wirtschaften auf dem eigenen Grundstück, räumliche Nähe zu Rohstoffen und Kunden – wieder ausspielen und sich erneut eine Existenzmöglichkeit aufbauen. Zwar dürften beim Szenario „Globale Wirtschaftskrise“ insgesamt sehr viel mehr Arbeitsplätze wegfallen als neue geschaffen werden, aber immerhin dürften dadurch die Auswirkungen der Krise auf dem Land etwas abgemildert werden.

Szenario „Hohe Benzinpreise“: Trotz aller Förderungen der regenerativen Energien und der E-Mobilität ist es denkbar, dass Benzin-Motoren für längere Zeit noch alternativlos bleiben und dass in dieser Zeit die Benzinpreise auf Grund der Knappheit der Ölvorräte, aber vor allem auf Grund internationaler Konflikte explodieren, so dass die PKW- und LKW-Mobilität sehr teuer wird. Diese Entwicklung würde den ländlichen Raum sehr stark benachteiligen, da er so stark auf eine kostengünstige individuelle Mobilität angewiesen ist, dass ohne diese das heutige Landleben kaum möglich wäre.

Auch in diesem Fall würden die stark steigenden Transportkosten das lokale und regionale Wirtschaften spürbar fördern, da dadurch ein „Distanzschutz“ zu den Zentren entstehen würde, der noch bis zum Beginn der PKW-Mobilität das ländliche Wirtschaften geprägt hatte. Aber auch in diesem Fall dürften die Nachteile dieser Entwicklung für den ländlichen Raum deutlich größer sein als die Vorteile.

Szenario „Metropole + Wildnis“: Dieses Szenario wird immer wieder entwickelt, wenn es um neue und utopische Zukunftsentwicklungen mit völlig neuen Problemlösungen gehen soll. Leitidee dabei ist der Umbau der Metropolen zu ökologisch geschlossenen und sich selbstversorgenden Systemen und die Umwandlung des Landes in Wildnisgebiete, wobei alle ländlichen Funktionen in die Metropolen verlagert werden. Typisch ist, dass in den vergangenen Jahrzehnten solche Utopien immer nur am Beispiel der Stadt, kaum jedoch einmal am Beispiel des Landes entworfen wurden.

Unter der Leitidee „Die Stadt ist das bessere Land“ werden bei diesem Szenario alle Lebensmittel mittels „Urban Farming“ in der Metropole selbst hergestellt (Produktion von Gemüse, Getreide, Hühnern, Pilzen, Fischen usw. in vielstöckigen Gewerbegebäuden, Verwendung der Fassaden und Dächer der Hochhäuser für die Nahrungsmittelproduktion), die benötigte Energie wird in der Metropole selbst gewonnen, und die Funktionen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Verwaltung und Freizeit werden flächensparend neben- und übereinander positioniert, so dass der Verkehr minimiert wird. Besonders utopische Entwürfe errichten über der Metropole noch eine gewaltige Kuppel, um die Wärme der Stadt zurückzuhalten und um die verbrauchte Luft zu reinigen und wiederzuverwenden, so dass sich die Metropole vollständig von der Umwelt abkoppeln würde.

Derzeit verbleiben solche Projekte im Bereich der Utopie, weil einige Bestandteile zwar machbar, aber unbezahlbar teuer und zentrale Elemente technisch (noch?) nicht realisierbar sind. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass solche Projekte jemals umgesetzt werden könnten, weil die Grundidee – die totale technisch-ökologische Gestaltung einer Metropole – nicht umsetzbar wäre (das System wäre so komplex, dass die Vielzahl der unbeabsichtigten Nebenfolgen zweckrationalen Handelns zu seinem Kollaps führen würde) und dem Menschen auch nicht entsprechen würde („Käfighaltung“ der Menschen).

Szenario „Ausgleich Stadt-Land“: Da derzeit in den Städten die Mieten- und Grundstückspreise extrem ansteigen und hier eine grundsätzliche Überlastung durch eine zu hohe Konzentration aller Nutzungen stattfindet, während es auf dem Land große Leerstände und eine ausgeprägte Unternutzung aller Infrastrukturen gibt, spricht die Politik seit kurzem davon, dass das Land wieder gestärkt werden müsse, um die Städte zu entlasten, und dass das Ziel der gleichwertigen Lebensverhältnisse wieder aufgewertet werden müsse.

Geht man davon aus, dass die Politik das Land auf die gleiche Weise wie in der Zeit zwischen 1960 und 1980 aufwerten würde (eine andere Strategie ist nirgendwo erkennbar), dann würde das folgendes bedeuten: Das Land würde durch den massiven Ausbau aller Verkehrswege und den flächendeckenden Ausbau des schnellen Internets näher an die großen Metropolen herangerückt, so dass mehr Menschen auf dem Land wohnen und in den Metropolen arbeiten könnten. Zusätzlich würden zur Entlastung der Metropolen die Infrastrukturen in den Oberzentren sehr stark ausgebaut, und viele Mittel- würden zu Oberzentren und viele Unter- zu Mittelzentren aufgewertet. Damit wäre die Erwartung verbunden, dass zahlreiche global ausgerichtete Betriebe aus den überlasteten Metropolen in Ober- und Mittelzentren verlagert würden, und der Staat würde diese Verlagerungen mit Förderprogrammen gezielt unterstützen. Dies würde letztlich eine Wiederaufnahme der Zentrale-Orte-Politik bedeuten.

Mit dieser Entwicklung würde jedoch das Land keineswegs gestärkt, sondern es würde erneut eine Phase der forcierten Verstädterung durchlaufen, die mit dem Aufbau von weiteren Zwischenstadt-Strukturen verbunden wäre. Dies würde die zentralen Qualitäten des Landlebens – größere Naturnähe, geringere wirtschaftliche Arbeitsteilungen, größere soziale Nähe als in der Stadt – stark schwächen oder gar (wie in den suburbanen Räumen) vollständig auflösen. Allerdings ist unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen kaum damit zu rechnen, dass dieses Szenario umgesetzt wird.

Alle sechs Szenarien bedeuten eine Schwächung des Landes als Lebens- und Wirtschaftsraum. Dabei tritt diese Schwächung je nach Szenario früher oder später ein, aber sie führt in allen Fällen dazu, dass der ländliche Raum verschwinden wird.

Da aber das Landleben für die Zukunft unserer heutigen Wirtschaft und Gesellschaft unverzichtbar ist, muss es wieder gezielt gestärkt und aufgewertet werden.

Mehr zu den Leitideen für die Aufwertung des Landlebens lesen Sie im Buch von Professor Bätzing, das wir nebenstehend kurz vorstellen