Freiräume Hören

Der Audiowalk als Gestaltungsinstrument in der Freiraumplanung

Die Gartendenkmalpflege geht davon aus, dass eine große Anzahl von historischen Gärten noch gar nicht erfasst ist, nicht zuletzt, da sie nicht als solche erkannt werden. Das ist unter anderem auf ihre naturbedingte Wandelbarkeit zurückzuführen. So haben sich die ehe­ maligen Parkflächen heute zum Beispiel in schutzwürdig erachtete Biotopflächen gewandelt oder liegen inmitten von Siedlungsbereichen. Neben den irreversiblen Veränderungen der historischen Parkanlagen stellt auch die lückenhafte historische Dokumentation die denkmalpflegerischen Arbeiten vor Herausforderungen. So laufen diese Anlagen Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Doch gerade sie eröffnen neue Gestaltungsmöglichkeiten. Ein Beispiel ist der Audiowalk.

Der Stadtpark Freudenhain in Passau ist eine dieser in Vergessenheit geratenen Gärten. Er ist ein Überrest der Landschaftsgartenanlage bei Schloss Freudenhain aus dem 18. Jahrhundert. Diese wurde nicht nur für repräsentative Zwecke angelegt, sondern auch – und dies war für den damaligen Zeitgeist eine Besonderheit – für die Öffentlichkeit. Wie der später erbaute Englische Garten in München, war der Park bei Schloss Freudenhain ein Erholungs­ sowie Bildungsort für die breite Bevölkerung. Doch der heute noch vorhandene Stadtpark, der auch ökologisch sehr wertvoll ist, ist nur ein Bruchteil des einstigen Parks. Weite Teile des historischen Landschaftsgartens sind überbaut, seine einstige räumliche Ausdehnung ist nicht mehr erkennbar. Einiges an Wissen über die Idee, Planung und die Konzeption der historischen Anlage ist in Archiven gesichert – ihre tatsächliche bauliche Ausgestaltung ist jedoch weniger dokumentiert und bleibt somit offen für Spekulationen.

Akustik in der Gartengestaltung

Parks und Gärten wurden und werden mit der Intention angelegt, Orte der Erholung und Muße zu sein, indem entsprechende Atmosphären geschaffen werden. Cay Lorenz Hirschfeld, Landschaftsgartentheoretiker aus dem 18. Jahrhundert, verweist in seiner Theorie der Gartenkunst auf das Zusammenspiel aller Sinne, die die Wahrnehmung bestimmen. Das Zusammenwirken von visuellen, olfaktorischen, haptischen und nicht zuletzt akustischen Eindrücken bestimmt die individuelle Wahrnehmung einer Atmosphäre. Hirschfeld schreibt dazu:

„Es ist die Macht des Gartenkünstlers durch das Auge, durch das Ohr und durch den Geruch zu ergözen“; denn: „Die Begriffe mehrerer Sinne, die übereinstimmen, preisen den Gegenstand stärker an.“ Dabei war im Speziellen die Inszenierung der akustischen Umgebung in der historischen Gartengestaltung nicht unüblich. Stimmungseindrücke, die auch mit auditiven Gestaltungselementenwie der Äolsharfe, Resonanzkörpern in Wasserfällen oder dem Einsatz von exotischen Vogelarten untermalt wurden, sollten die Spaziergänger empfindsam stimmen und ihrer Selbsterfahrung dienen.

Im Allgemeinen eröffnet der Landschaftsgarten durch das Prinzip des begehbaren Landschaftsgemäldes nicht nur die Erfahrbarkeit der räumlichen, sondern eben auch die der akustischen Dimension einer als idyllischen Natur gestalteten Gartenanlage. Es ist ein Zusammenspiel, aber auch ein Wechselspiel aus der Gesamtheit sinnlicher Eindrücke, denn nicht alles, was man sehen kann, lässt sich auch hören und umgekehrt. Vogelgezwitscher zum Bei­spiel. Dazu kommt die Tatsache, dass das Gehörte bildhafte Assoziationen hervorruft und somit in einem erheblichen Maße den Gesamteindruck einer Atmosphäre beeinflusst.

Die Methode Audiowalk

Der Audiowalk für den Landschaftsgarten von Schloss Freudenhain ist als freiraumplanerische Intervention konzipiert, um den in Vergessenheit geratenen Landschaftspark bei Schloss Freudenhain wiedererleben zu können. Als Informations­ und Gestaltungskonzept, welches die auf den Landschaftsgarten trotz gewandelter Gestalt aufmerksam macht, wurden im Zuge der Arbeit atmosphärische Klangräume an fünf Partien im Park erstellt, die an die historische Nutzung jener Orte angelehnt sind. Als auditiver Entwurf eröffnet er Raum zur (Selbst­)Erfahrung des möglichen Zustands von vor etwa 230 Jahren. Die jeweils fünf­minütigen Audiostationen schaffen einen virtuellen Raum, indem das Gehörte vom Gesehenen abweicht, irritiert und somit die historische Situation spürbar vermittelt wird. An den ausgewählten Bereichen, wie einem Amphitheater (heute Kirchplatz), einer Landwirtschaft (heute private Wohnhäuser) oder einer Badhausanlage (heute Brauereigelände), können die historischen Szenen akustisch durchlaufen werden. So hält das Lauschen der Klang Kompositionen Überraschungseffekte bereit im Sinne der Konfrontation mit Erwartbarem, aber auch Unerwartbarem, ähnlich dem Durchwandern einer Landschaft.

Der verborgene Landschaftsgarten bietet Gestaltungsspielräume

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich der Landschaftsgarten bei Schloss Freudenhain von einer Bildungsstätte aufgeklärter Moral mit internationalem Ruf zu einem städtischen Park mit gartenhistorischer Bedeutung entwickelt. Trotz Verlust der historischen Subs­ tanz erzählt der Park nach wie vor durch seine gepflegt verwilderte Ästhetik von den romantischen Idealen seiner Epoche. Dennoch wurde bisher auf das klassische Repertoire der Information in Form von Beschilderungen verzichtet. So irritieren die durch Verfall entstandenen, wunderlichen Orte wie der trocken­ gelegte Springbrunnen oder die umzäunten Reste der Grottenanlage. Wenn man weiß, worauf zu achten ist, dann lässt sich der Park entziffern und ist anhand seiner Spuren für Interessierte lesbar wie ein unterhaltsames Buch.

Bei der Gartengestaltung handelt es sich stets um die kulturelle Inszenierung von Natur – damals wie auch heute. Der Audiowalk reiht sich in die Serie von Inszenierungsmöglichkeiten ein. Dabei ist sein Vorteil einzelne Landschaftsschichten, Bedeutungsebenen, verschiedene Zeit­ schichten und unterschiedliche Perspektiven aufzugreifen, um Vorhandenes lesbar zu machen.

Der Audiowalk Freudenhain führt auf über 200 Jahre alten Pfaden durch eine Park­ und Wohnlandschaft entlang der historischen Überreste des Landschaftsparks zu den Ideen, die einst für ihn erdacht wurden. Eine bauliche Rekonstruktion der historischen Parkanlage scheint aufgrund der Nutzung des Gebiets als unmöglich. Daher versteht sich dieses Projekt als gestaltender Lückenfüller in einem historisch wertvollen, bebauten sowie ökologisch sensiblen Gebiet. Ferner greift das auditive Entwurfsprojekt eine vergessene Seite der Landschaftsgestaltung auf: die Einbeziehung der akustischen Gestalt von Gartenräumen. Im Gegensatz zu visuell bildnerischen Gestaltungsansätzen wirkt der Audiowalk auf einer Gestaltungsebene, die die Besucher zu eigenen Bildern anregt und ihnen dadurch einen Unterhaltungswert bietet. Dieses Projekt regt dazu an, weiter über das sinnliche Erfahren der Umwelt nachzudenken, Fragen zu dem Gehörten zu stellen und sich in Grenzfällen der Freiraumplanung, wie dem Stadtpark Freudenhain, anderer Gestaltungsmethoden zu öffnen.

Autor: Anet Scherling