Hübsch nach­hal­tig

Keine Pestizide, keine Gentechnik: Die Slowflower-Bewegung aus den USA setzt beim Blumenanbau auf Ökologie. Jetzt ist sie in NRW angekommen

Meike Rohkem­per setzt ihre grü­nen Gum­mis­tie­fel in ein Nar­zis­sen-​Beet. Sie beugt sich hin­un­ter und be­trach­tet die gel­ben Blü­ten. "Die Nar­zis­sen ge­hö­ren zu mei­nen ab­so­lu­ten Lieb­lings­blu­men", sagt die 36-​Jäh­ri­ge. "Wenn sie blü­hen, be­ginnt der Früh­ling." Die Nar­zis­sen ver­schö­nern in die­sen Tagen auch die Wohn­zim­mer, Ter­ras­sen und Gär­ten vie­ler Deut­schen. In der klas­si­schen gel­ben Va­ri­ante sind die Blu­men als Os­ter­glo­cken be­kannt.

Meike Rohkem­per hat in den ver­gan­ge­nen Tagen viele Nar­zis­sen ge­pflückt, in ihrem Ate­lier in Sträuße ein­ge­ar­bei­tet und ver­kauft. Sie be­zeich­net sich selbst als Far­mer-​Flo­ris­tin. Das be­deu­tet, dass ihre blu­mi­gen Krea­tio­nen aus­schließ­lich aus dem ei­ge­nen Gar­ten stam­men. Ge­mein­sam mit Ehe­mann Bern­hard Rohkem­per führt sie den Be­trieb "Ga­bel und Spa­ten". 2017 mach­ten sich die bei­den selbst­stän­dig -​ und set­zen seit­dem die Ideen der Slowflower-​Be­we­gung um, die sich einem öko­lo­gi­schen und nach­hal­ti­gen Anbau von Blu­men ver­schrie­ben hat. Die Idee ist in Deutsch­land ein No­vum. Nur sehr we­nige Gärt­ne­reien und Flo­ris­ten haben sich Slowflower an­ge­schlos­sen. Ge­rade mal 30 Stand­orte gibt es in Deutsch­land, der Schweiz und Ös­ter­reich. Doch ob­wohl es zur­zeit noch we­nige sind, sind sie Teil einer wach­sen­den Be­we­gung rund um The­men wie Nach­hal­tig­keit, fai­rer Han­del und Kli­ma­schutz.

Ur­sprüng­lich stammt Slowflower aus den USA. 2014 schloss sich dort eine Gruppe von Gärt­nern zu­sam­men. Wer sich der Idee des lang­sa­men Blu­menan­baus ver­pflich­tet, ver­wen­det keine Pes­ti­zi­de, düngt nur mit or­ga­ni­schem Ma­te­rial, ver­zich­tet auf den Ein­satz von gen­ma­ni­pu­lier­ten Pflan­zen und ver­wen­det nach Mög­lich­keit nur Bio-​Saat­gut. "Da­mit konn­ten wir uns ab­so­lut iden­ti­fi­zie­ren", er­klärt Bern­hard Rohkem­per.

Meike und Bern­hard Rohkem­per haben ihre be­ruf­li­che Lauf­bahn nicht mit dem nach­hal­ti­gen Anbau von Blu­men be­gon­nen. Sie schlu­gen zu­nächst an­dere Wege ein. Meike ar­bei­tete als Land­schafts­öko­lo­gin, und Bern­hard ver­diente sein Geld als Geo­graf in der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit. Als vor fünf Jah­ren ihre erste Toch­ter zur Welt kam, nutzte das Ehe­paar die El­tern­zeit, um sich neu zu ori­en­tie­ren. Ihre Idee, ins Schnitt­blu­men-​Ge­schäft ein­zu­stei­gen, war fa­mi­liär ge­prägt. Bern­hards Fa­mi­lie be­sitzt in Marl einen Baum­schul­park. Meike Rohkem­per be­geis­terte sich schon als Kind für Blu­men. Ihre Mut­ter ar­bei­tet am Kai­ser­stuhl als Flo­ris­tin.

Doch die Rohkem­pers woll­ten keine Ware aus dem Aus­land ein­kau­fen, son­dern sel­ber an­bau­en. Wäh­rend der Frost­pe­ri­ode rote Rosen und vio­lette Tul­pen an­bie­ten, so wie das die meis­ten Flo­ris­ten tun, das kam für das Paar nicht in­fra­ge: "Die wach­sen in un­se­ren Brei­ten­gra­den nicht auf na­tür­li­che Wei­se. Wir wol­len zei­gen, dass es auch in Deutsch­land mög­lich ist, jah­res­zeit­lich pas­sende Flo­ris­tik mit re­gio­na­len Pflan­zen an­zu­bie­ten" er­klärt die Far­mer­flo­ris­tin. Heute blü­hen im Baum­schul­park der Fa­mi­lie auf rund 4000 Qua­drat­me­tern Nar­zis­sen im März und April, spä­ter im Jahr dann Tul­pen, Li­li­en, Gla­dio­len oder Chrysan­the­men. Im Ja­nuar und Fe­bruar ist Ru­he­zeit.

Die meis­ten Flo­ris­ten in Deutsch­land set­zen auf einen star­ken Im­port. Im Jahr 2019 lag der Ge­samt­wert aller ein­ge­führ­ten Blu­men bei 1,03 Mil­li­ar­den Euro. Das geht aus einer Sta­tis­tik des In­ter­na­tio­na­len Han­dels­zen­trums her­vor. Deutsch­land lag in der Rangliste auf Platz zwei. Nur Men­schen in den USA gaben mit um­ge­rech­net 1,43 Mil­li­ar­den Euro mehr aus. Ex­port­welt­meis­ter sind die Nie­der­lan­de. Der Ge­samt­wert der aus­ge­führ­ten Ware lag in der Tul­pen­na­tion 2019 bei 3,87 Mil­li­ar­den Euro. Oft stam­men die nie­der­län­di­schen Schnitt­blu­men aus be­heiz­ten Ge­wächs­häu­sern -​ was eine schlechte CO2-​Bi­lanz be­deu­tet. In den wei­te­ren großen Ex­port-​Na­tio­nen wach­sen die Rosen zwar auf dem Feld, müs­sen aber erst auf­wen­dig nach Eu­ropa ge­bracht wer­den, etwa aus Ko­lum­bien (1,32 Mil­li­ar­den Eu­ro), Ecua­dor (790 Mil­lio­nen), Kenia (520 Mil­lio­nen) und Äthio­pien (210 Mil­lio­nen).

Pestizide auf den Rosenfeldern

Wo der Ro­sen­strauß aus dem Su­per­markt her­kommt, er­fährt der Käu­fer sel­ten. An­ders als bei Le­bens­mit­teln gibt es keine Kenn­zeich­nungs­pflicht. Wie viel Was­ser und wie viele Pes­ti­zide auf den Fel­dern in Süd­ame­rika oder Afrika ein­ge­setzt wor­den sind, bleibt daher un­klar. Ob die Ar­bei­ter eine faire Be­zah­lung er­hal­ten haben oder Schutz­klei­dung tra­gen konn­ten, ist eben­falls un­ge­wiss. "Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Be­din­gun­gen vor Ort oft schwere ge­sund­heit­li­che Schä­den ver­ur­sa­chen", ver­mu­tet Bern­hard Rohkem­per. Zu die­sem Ur­teil kam auch Ka­tha­rina Schatzl. Die Müns­te­ra­ne­rin stu­dierte Gar­ten­bau an der Uni­ver­si­tät Gei­sen­heim. Ihre Ba­che­lor-​Ar­beit be­fasste sich mit der Slo­werflower-​Be­we­gung. 2018 in­ter­viewte Schatzl zu die­sem Zweck ver­schie­dene Be­trei­ber in Deutsch­land.

Und sie schickte auch eine An­frage an "Ga­bel und Spa­ten". "Da­durch wurde uns erst­mals be­wusst, dass wir mit un­se­rer Idee nicht al­leine sin­d", er­klärt Meike Rohkem­per. Also luden sie und ihr Mann wei­tere Slowflower-​An­hän­ger nach Marl ein. Sie kamen aus Ber­lin, Leip­zig oder Os­na­brück und re­de­ten über Blu­men, An­bau­tipps sowie den Pflan­zen­schutz. "Wir haben fest­ge­stellt, dass uns der Wunsch eint, Schnitt­blu­men aus re­gio­na­lem und nach­hal­ti­gem Anbau sicht­bar zu ma­chen", sagt Bern­hard Rohkem­per.

So ent­stand 2019 der deutsch­spra­chige Arm der Slowflower-​Be­we­gung. Die Grün­der ver­ab­schie­de­ten in Marl keine Ver­eins­sat­zung oder ent­war­fen ein Bio­sie­gel, sie ent­wi­ckel­ten aber Leit­li­ni­en. Dabei ori­en­tie­ren sie sich an den Vor­bil­dern in den USA, die eben auf Pes­ti­zide ver­zich­ten und keine gen­ma­ni­pu­lier­ten Pflan­zen ein­set­zen. "Sai­sona­li­tät, Re­gio­na­li­tät und Nach­hal­tig­keit sind die Kern­stücke un­se­rer Be­we­gung", fasst es Bern­hard Rohkem­per zu­sam­men.

Beziehung zur Natur schaffen

In Nord­rhein-​West­fa­len gibt es neben "Ga­bel und Spa­ten" nun einen wei­te­ren Be­trieb. Alex­an­dra Kie­fer führt in Meer­busch das Un­ter­neh­men "Rhein­blü­ten". Als Gar­ten­de­si­gne­rin berät sie Kun­den, die pri­vate Grün­flä­chen in Gär­ten ver­wan­deln wol­len. "Über Ins­ta­gram bin ich auf die Be­we­gung auf­merk­sam ge­wor­den", er­zählt Kie­fer. Ihr ge­fie­len die Bil­der auf der Fo­to­platt­form. Also schloss sie sich an. "Wir müs­sen wie­der eine Be­zie­hung zur Natur fin­den -​ und da ist die Slowflower-​Be­we­gung auf dem rich­ti­gen Weg", sagt Kie­fer. "Dar­über hin­aus schaf­fen wir Äs­the­ti­k."

Wer Meike Rohkem­per über die Schul­ter blickt, weiß, was ihre Mit­strei­te­rin aus Meer­busch meint. Die Far­mer­flo­ris­tin hat mit Nar­zis­sen, Pri­meln und Blüh­zwei­gen ein an­spre­chen­des Os­terar­ran­ge­ment ge­schaf­fen. Um alles zu be­fes­ti­gen, nimmt sie Ha­sen­draht. Steck­schaum kommt ihr nicht in die Blu­men. Der ist in der Slowflower-​Be­we­gung ver­bo­ten.


Mit freundlicher Genehmigung aus der Welt am Sonntag Nordrhein-Westfalen vom 04.04.2021 – Ressort: NRW

Autor: Denis de Haas; Foto: Tess Comrie