Ein spektakulärer Umzug in Erfurt: Kakteen und Palmen heben ab

DBG-News BUGA Erfurt 2021 - 10/19

Im neuen Danakil-Klimazonenhaus im egapark in Erfurt sind gerade 800 Kakteen, Sukkulenten und Palmen eingezogen. Spektakulär war der Umzug mit Hebebühne und Tieflader, denn einige der Kandidaten waren 3 – 4 Tonnen schwer. Nun stehen die Madagaskar-Palmen, die Yucca Riesen und die  Mammillarien am vorbestimmten Platz. Einen wesentlichen Beitrag zu dieser Aktion lieferte Kakteen-Haage, die Erfurter Traditionsgärtnerei, die schon seit 1685 Wissen zu diesen Pflanzen sammelt.

Schon als kleiner Junge habe er beim egapark über den Zaun geschaut, gesteht Ulrich Haage, doch erst mit dem Neubau des Urwald – und Tropenhauses vor drei Jahren im egapark sei er als Berater dort aktiv geworden. Vorher lief das Kakteenhaus auch gut in Eigenregie. Fachlich perfekt und geradezu liebevoll kümmerte man sich um die tropischen Bewohner des Parks, findet Haage anerkennend.

Er hat zunächst mit der Szenografin Viktoria Wille zusammengearbeitet. Sie hat eine Bestandsaufnahme der Pflanzen gemacht und dann nach einer thematischen Struktur gesucht. „Ihre Herangehensweise hat mich herausgefordert. Hier kommt jemand, der stellt Fragen wie: Auf welche Art und Weise sind Pflanzen sukkulent, wie schützen sie sich vor Wasserverlust? Gibt es vielleicht auch Wurzelsysteme, die von Salzwasser abhängig sind? Das bedeutete für mich erst einmal zu recherchieren. Ich habe meinen alten Gärtnermeister befragt und Wissenschaftler. Es war eine manchmal komplizierte Recherche – wir haben uns im Team hervorragend zusammengefunden und nach und nach entstand ein Konzept, - es entstanden Biotope, für die man sogar den Boden  in Textur, Haptik und Gesteinsfarbe der Natur anpasste. Im Danakil wird eben nicht nur langweilig Sand ausgestreut.“ Parallel dazu wurden in der Gärtnerei Haage probeweise Kakteen ausgegraben und verpflanzt und geschaut, wie das gehen könnte, auch die Befestigung wurde getestet. „Netzwerkinfos ergänzten sich mit praktischer Erfahrung“, erklärt Ulrich Haage.

Der Umzug war eine technische Herausforderung besonderer Art. Wer wann zuerst, und wie verpackt - mit welchem Transportmittel ins neue Haus dürfe, das erforderte nicht nur Kenntnisse der Logistik, sondern auch genaueste Pflanzenkenntnnis. Zunächst wurden 40 große Pflanzen umgezogen, dann folgten 70 Pflanzen von mittlerer Größe und dann die kleinen Pflanzen. Fünf Meter hoch war die größte Palme, die durch das dreiflügelige Holztor hereingefahren wurde. „Ausschreibung und Vergabeverfahren sahen einen großen zeitlichen Vorlauf vor. Das gab uns die Chance im Learning by Doing zu erfahren und zu vermeiden was auch alles schiefgehen kann. Wir mussten herausfinden, wann der günstigste Zeitpunkt für die Pflanze zum Umsetzen ist, auf das wir dann die weitere Zusammenarbeit mit den beteiligten Gewerken absprechen konnten. Wir haben uns mit der Frage: wann kommen die Pflanzen in die Erde schon befasst, als das Danakil noch geplant wurde. Ich habe mit Kollegen und nicht zuletzt mit unseren erfahrenen Gärtnern über alle damit zusammenhängenden Probleme im Vorfeld geforscht und gesprochen“, erklärt uns Ulrich Haage.  „Womit wir nicht so glücklich waren, dass die Teilschritte so vergeben worden sind, das eine Firma die Pflanzen eingepackt hat, eine andere den Transport und das Umtopfen und Einpflanzen übernommen hat. Da hat es manchmal an Koordination gefehlt. Denn zunächst einmal mussten die Pflanzen über ein Jahr in einer „Obdachlosenunterkunft“ – im alten Gewächshaus des Parks - stehen und darin auch transportfähig bleiben. Pflanzen, die 3-4 Tonnen wiegen, sollten beweglich gehalten werden – nicht so einfach. Das Einpflanzen war schwer, weil es bei manchen Pflanzen an der optimalen Verpackung gefehlt hat: zunächst hat man sie im Originalgewächshaus abgestochen, dann vorsichtig in einen Holztopf aus Platten gesetzt. Die sollten eigentlich schräg sein, dann hätte man am Standort nur das Bodenbrett herauszuziehen brauchen. Durch die schrägen Wände hätten sich die Wurzeln besser gehalten, außerdem hätte man den Standort besser korrigieren können. Das war nicht immer der Fall. Die einpflanzenden Gärtner hatten es schwer.

Spannend war es aber, die Identifikation der egapark Gärtner mit ihren Pflanzen zu beobachten, denn einige der stacheligen Gesellen waren besonders Knick, - bruch, - oder oberflächengefährdet. Für die großen Gewächse wurden extra Holzgestelle gebaut. „Hierzu gab es keine Literatur - ich bin in den U.S.A.  gewesen, und habe in Arizona Gärtnereien besucht, in denen mexikanische Gärtner riesige Kakteen ausgruben, speziell verpackten und mittels eines Krans auf Tieflader luden, um sie anschließen quer durch die U.S.A. zu transportieren.“

Die Umzugsrequisite war schon beeindruckend: die egapark-Gärtner haben hier noch gepuffert mit Schaumstoff, und dort mit alten Teppichen geschützt, und hin und wieder mit Folie gearbeitet. Eben mit allen Tricks. „Schön zu erleben, dass alle, Architekten und Gärtner, mit Feuereifer dahinter her waren, das alles klappte.“ Nun stehen „Schattenmacher“ zusammen, „Wärmeregulierer“ bilden eine Gruppe und „Schatzgräber“ sind auch eine Ausstellungsfamilie zusammengefasst – je nach Strategie, wie mit der unwirtlichen Umgebung der Wüste umgegangen wird. Zum Schluss kamen auch die Greisenhäupter, die stark behaarten Kakteen, ins neue Domizil, damit sie nicht zu viel Staub in die Haare bekamen.

Wird es denn nun auch Neuheiten im Danakil geben, fragten wir nach. Haage meint, darüber denkt er noch mal nach, vielleicht bekommt man noch etwas unter. Es gibt zum Beispiel Kakteen, die im Regenwald zuhause sind. Dazu kann man spannende Geschichten erzählen. „Meine Idee war es, die „Königin der Nacht“ von einer Klimazone in die andere wachsen zu lassen. Die Wurzeln hätte sie im Wüstenbiotop, sie wüchse durch eine Klimawand hindurch und man könnte die Blüte im feuchteren Biotop bewundern. Aber jetzt sind noch ganz andere Ideen gefragt. Die nächste Herausforderung liegt für Haage in der Beschriftung und den Besucherinformationstexten. „Viktoria Wille hat ihr Ausstellungskonzept und die Pflanzen ganz von außen angedacht und mir entsprechende Fragen gestellt. Das brachte mich auf neue Recherchen zur Pflanze und wird hoffentlich die Besucher so faszinieren wie immer noch mich selbst. Es gibt zum Beispiel Kakteen, die eine sogenannte Spiralschraubenwurzel haben. Sie wachsen in weichem Boden. Wenn in der Ruhezeit der Boden austrocknet, zieht sich die Pflanze ein,

solange der Boden gerade noch etwas weich ist. Dafür sorgt die spiralige Wurzel und nimmt damit auch das letzte Wassertröpfchen noch mit. Wenn es dann feucht wird, quillt die Wurzel auf, dreht anders herum und treibt so den Kaktus wieder an die Oberfläche.

Besucher werden sicher noch viel Wissen von der BUGA Erfurt 2021 mitnehmen können, denn Haage wird eng mit dem Danakil Team zusammenarbeiten, Führungen und Vorträge machen. Auch im Gartenbaumuseum ist die Gärtnerei als Erfurts historisches Urgestein präsent. Ulrich Haage verrät: er geht gern in den gärtnerischen Wettbewerb und dazu vielleicht in die Blumenhalle, um sich in der Leistungsschau mit Kollegen zu messen. Bis zum 23. April 2021 hat er Zeit – dann wird die BUGA eröffnet.

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